Manchmal bekomme ich Stichwörter per Mail zugeschickt, zu denen ich oder andere angeschriebene Autoren einen Text, der in der Zeichenanzahl sehr begrenzt ist, schreiben “soll”. Die Chance, dass er gekauft wird ist, wie ich finde, gering. Vor einigen Monaten bekam ich den Aufruf und ein Bildausschnitt zugeschickt. Ob das Bild nun tatsächlich Prometheus hieß oder nicht, wer weiß das schon… es ging jedenfalls um ein Museum und einen deutschen Maler, Max Beckmann (1884-1950).
Und hier ist der Text, den ich (mal) wieder für die Schublade geschrieben habe:
Ich sehe was, was du nicht siehst
Wir schauen uns ein Gemälde im Museum an, versuchen zu verstehen. Maler sind wie Schriftsteller, man muss ihre Werke nur entschlüsseln können, zwischen den Pinselstrichen lesen sozusagen. Was willst du mir sagen?, flüstere ich. „Kennst du nicht die Geschichte des Prometheus?“, fragt mich das Bild in einem selbstgefälligen Ton. „Sicher“, antworte ich, „aber die sehe ich in meinem Gemütszustand heute nicht.“ „Du weißt gar nichts, du verstehst nichts“, antwortet das Bild. Ich könnte jetzt sagen, dass ich sehr wohl verstehe und auch wiederum nicht, aber das würde das Bild nicht verstehen, deshalb schweige ich und betrachte es noch intensiver „Ich gebe dir einen Hinweis“, sagt es in einem schnippischen Ton. Ich will keinen Hinweis und kneife die Lippen zusammen. „NS-Zeit“, brüllt es mir ungeduldig entgegen. Ich beachte weder die Aussage, noch in welchem Tonfall sie daher gekommen ist. Mein Herz wird schwer, meine Augen werden feucht. Verstohlen wische ich mir mit dem Handrücken eine Träne von der Wange.
Ich denke an den Künstler - wie furchtbar seine Heimat verlassen zu müssen. „Na endlich“, sagt das Bild. „Bist du nun doch in der NS-Zeit gelandet,“ den Triumph in der Stimme dünn verschleiernd. „Du verstehst nicht“, herrsche ich das Bild an. „Ich korrespondiere mit dir entsprechend meiner Entwicklungsgeschichte, also sag mir bitte nicht, was ich zu denken habe, das war schließlich auch nicht das Anliegen deines Schöpfers.“ Das Bild schnaubt verächtlich, setzt zum Sprechen an. Seine Antwort wird von der Stimme meines kleinen Sohnes übertönt. „Schau Mama, der Vogel isst die Marmelade vom Hemd des Mannes.“ Er kichert dabei. „Das ist keine…“, setze ich an und halte erschrocken inne. Habe ich nicht gerade dem Bild eine Lektion erteilt?