Ich möchte bedauert werden

Schaue ich in den Spiegel, kriege ich das große Kotzen. Mein Haar ist ruiniert, meine Mundwinkel nur nach unten gezogen. Jetzt dauert es wenigstens ein Jahr bis die vielen Stufen, die mein Haar durch die Naturwellen gewellt gretchenhaft aussehen lassen, gewachsen ist und mir ein begnadeter Friseur eine Frisur schneiden kann. Mein Herz wird schwer, wenn ich an Pasquale aus Berlin denke, der mir vor einigen Jahren, schnipp schnapp schnippedischnapp flink wie Edward mit den Scherenhänden, einen zauberhaften Schnitt verpasst hatte.

Man sehe ich Scheiße aus.

Es tröstet mich auch nicht im geringsten, dass es Menschen gibt, die hungern und an ihre Frisur nicht einen Gedanken verschwenden.

Umgangssprachliches

In Australien gibt es keine Dialekte. Da quatschen die Menschen in Darwin genauso wie in Melbourne. Es mag inzwischen winzig kleine sprachliche Unterschiede geben, aber eben nicht so wie in vielen anderen Ländern.

Jaime spielt mit einigen Kindern in der Nachbarschaft meiner Mutter und hat auch schon typisch Grafschafter Deutsch aufgeschnappt. Er fragte nämlich meinen Schwager, als wir einen englischen Song im Radio hörten “Verstehst du wat die singen?” Perfekter deutscher Satz - ich bin stolz auf mein Kind. Hier wird schon mal gewat und gedat, was vermutlich auf den Plattdeutschen Einfluss zurückzuführen ist, obwohl in der Stadt Hochdeutsch gesprochen wird und niemand aus meiner unmittelbaren Familie Plattdeutsch beherrscht. Ja gut, mein Schwager, aber der kommt auch nicht aus unserer Stadt, sondern aus einem öden Dorf, in dem er mit meiner Schwester seit ewigen Zeiten lebt. Gerade gestern meinte ich zu meiner Schwester, eigentlich schade, dass es hier nichts wirklich historisches gibt. Das liegt daran, dass das hier mal Moor war. Wenige Kilometer von hier gibt es das auch noch, was mich daran erinnert, das, wenn es endlich wärmer wird, ich dort unbedingt noch einmal spazieren gehen möchte. Die Menschen haben eben in ihren kleinen Katen im Moor und vom Torfabbau gelebt. Was für ein eintöniges Leben das gewesen sein muss, wage ich mir kaum vorzustellen. Wobei mir meine Oma väterlicherseits, geb. 1898, damals mit leuchtenen Augen erzählte, als sie und ihr Mann auf einem Torfschiff, gezogen von Pferden, durch die Kanäle gefahren sind. Das Kleinkind wurde am Tischbein gebunden, damit es nicht wegrutschen konnte, dann wurde auf dem kleinen Kahn getanzt und gefeiert. Dass ich mir meine achtzigjährige Oma jung und unbeschwert kaum vorstellen konnte, versteht sich von selbst. Fange ich einmal einen Satz in Marcos Gegenwart mit “Als ich in deinem Alter war…” an, kann ich zusehen, wie sich seine Augen innerhalb von Nanosekunden verschleiern und seine Gehirnzellen auf Sparflamme arbeiten. Mein Kind kann sich schlecht vorstellen, dass ich nicht als Vierzigjährige auf die Welt gekommen bin, auch wenn ausreichend fotografisches Bildmaterial meinen Lebensweg belegt.

Bin gespannt, wann ich auffer Straße mal wieder das “Anna, komm bei Oma” oder was noch viel schmerzhafter ist “Anna komm bei mich” zu hören kriege ;-)

Sonntags in Deutschland

bedeutet Ruhe.  Zwar ist es erst 8:35 Uhr und ich befinde mich in einem Dorf, dennoch stelle ich die kühne Behauptung auf, in D. ist es am 7. Tag ruhiger. Die Geschäfte sind auf jeden Fall geschlossen, Familien haben die Gelegenheit etwas gemeinsam zu unternehmen, während man in Oz einkaufen kann, wie an jedem Werktag. Ich sehe es seit Jahren an meiner Familie, John und Marco arbeiten auch regelmäßig an Wochenenden, ich gehe unter Umständen mal ins Einkaufszentrum oder in den Supermarkt. Hat durchaus seine praktischen Seiten, brauche ich nicht sorgfältig zu planen was den Lebensmittelvorrat angeht. Dass sich aber rein gefühlsmäßig ein Sonntag nicht mehr vom Montag unterscheidet, kann auch Gift fürs Familienleben sein..

Ab dem 1. Mai finden wieder Ritterspiele an der Burg statt. Soeben stelle ich fest, dass dies eigentlich das Wochenende ist, an dem ich nach Düsseldorf fahren wollte. Muss ich einen anderen Termin dafür finden. Dieses Mal möchte ich auf jeden Fall Ritter an meiner Burg sehen und bin mal gespannt, ob dem Jaime das gefällt. Ich könnte mir vorstellen, dass er nicht wirklich etwas damit anfangen kann. Ritter sind ihm zwar irgendwie bekannt, aber irgendwie auch wieder nicht. Und nur zugucken findet er bestimmt langweilig. Aber egal, manchmal kommt auch in mir das Kind heraus und ich freue mich diebisch ein mittelalterliches Spektakel zu erleben. Was mich jetzt zur Geschichte bringt, die mich, je älter ich werde, fasziniert. Diese weit zurückliegende Geschichte haben wir in Oz nicht – sie fehlt mir down under. Gerade sie macht das Leben in Europa so interessant. Schon als Kind bin ich regelmäßig zur Burg gepilgert. Wenn ich den steilen kopfsteingepflasterten Weg zum Haupttor hinauf schnaufe und hindurch gehe, fühle ich mich in die Vergangenheit versetzt und stelle mir jedes Mal vor, wie Ritter und Burgfräulein hindurch gewandelt sind. Naja gut, vermutlich saßen sie auf einem Pferd und die Fräulein sind auch eher kutschiert worden. Wie das mit Burgen so ist, stehen sie meistens auf einem Hügel, so auch diese. Kommt man aus einer Nebenstraße, erstreckt sich eine Seitenwand (mit Himmelsrichtungen hab ich es auch nicht so) der Burg an einer Steilwand so hoch über einem, dass es mir jedes Mal fast den Atem verschlägt. Wie mühsam muss es gewesen sein, dieses Bauwerk zu erschaffen.