In Australien gibt es keine Dialekte. Da quatschen die Menschen in Darwin genauso wie in Melbourne. Es mag inzwischen winzig kleine sprachliche Unterschiede geben, aber eben nicht so wie in vielen anderen Ländern.
Jaime spielt mit einigen Kindern in der Nachbarschaft meiner Mutter und hat auch schon typisch Grafschafter Deutsch aufgeschnappt. Er fragte nämlich meinen Schwager, als wir einen englischen Song im Radio hörten “Verstehst du wat die singen?” Perfekter deutscher Satz - ich bin stolz auf mein Kind. Hier wird schon mal gewat und gedat, was vermutlich auf den Plattdeutschen Einfluss zurückzuführen ist, obwohl in der Stadt Hochdeutsch gesprochen wird und niemand aus meiner unmittelbaren Familie Plattdeutsch beherrscht. Ja gut, mein Schwager, aber der kommt auch nicht aus unserer Stadt, sondern aus einem öden Dorf, in dem er mit meiner Schwester seit ewigen Zeiten lebt. Gerade gestern meinte ich zu meiner Schwester, eigentlich schade, dass es hier nichts wirklich historisches gibt. Das liegt daran, dass das hier mal Moor war. Wenige Kilometer von hier gibt es das auch noch, was mich daran erinnert, das, wenn es endlich wärmer wird, ich dort unbedingt noch einmal spazieren gehen möchte. Die Menschen haben eben in ihren kleinen Katen im Moor und vom Torfabbau gelebt. Was für ein eintöniges Leben das gewesen sein muss, wage ich mir kaum vorzustellen. Wobei mir meine Oma väterlicherseits, geb. 1898, damals mit leuchtenen Augen erzählte, als sie und ihr Mann auf einem Torfschiff, gezogen von Pferden, durch die Kanäle gefahren sind. Das Kleinkind wurde am Tischbein gebunden, damit es nicht wegrutschen konnte, dann wurde auf dem kleinen Kahn getanzt und gefeiert. Dass ich mir meine achtzigjährige Oma jung und unbeschwert kaum vorstellen konnte, versteht sich von selbst. Fange ich einmal einen Satz in Marcos Gegenwart mit “Als ich in deinem Alter war…” an, kann ich zusehen, wie sich seine Augen innerhalb von Nanosekunden verschleiern und seine Gehirnzellen auf Sparflamme arbeiten. Mein Kind kann sich schlecht vorstellen, dass ich nicht als Vierzigjährige auf die Welt gekommen bin, auch wenn ausreichend fotografisches Bildmaterial meinen Lebensweg belegt.
Bin gespannt, wann ich auffer Straße mal wieder das “Anna, komm bei Oma” oder was noch viel schmerzhafter ist “Anna komm bei mich” zu hören kriege