Von Hausfrau zu Hausfrau

*räusper Hausmann muss ich sagen, darauf besteht mein Schwager. Der ist nämlich seit einigen Monaten krankheitsbedingt Hausmann und wird es auch bleiben. Jetzt kocht er uns gerade was Leckeres und ich hab die Hälfte von 210 qm2 Wohnfläche gesaugt. Das reicht auch. Bin schließlich im Urlaub – arbeiten kann ich auch Zuhause.

Habe noch mit John und Marco gechattet. Marco muss ein Monster-Essay für die Uni schreiben. Irgendwas mit Liberalismus gegen Demokratie oder so ähnlich. Ja, good luck Marco und lies dir mal Orwell durch.

Auf meine Frage, ob John etwas dagegen hätte, wenn ich unsere Kreditkarte ausreize, bekam ich ein liebevolles f*** off gepixelt. Naja, hier stellen sie sich ja alle so an. Kaum ein Geschäft nimmt Kreditkarten. Macht nix, habe ausreichend Bargeld. Daran hänge ich aber irgendwie und so ganz gerne lasse ich das nicht über den Ladentisch wachsen. Als ich ihm erzählte, dass ich seit meiner Ankunft noch keinen Tropfen Bier getrunken habe, obwohl mir die niedrigen Preise Tränen in die Augen treiben, meinte er Was? Bist du verrückt – trink trink!!! Na dann schlürf ich mir heute Abend mal einen.

Jetzt habe ich doch glatt vergessen zu erwähnen, dass Schwager und ich uns auch über Haushaltsführung unterhalten. Wie blöd das doch zum Beispiel ist, wenn man gerade alles fertig hat und die Blagerei kommt und man eine Spur der Verwüstung von der Haustür bis in sämtliche Räume verfolgen kann. Dann nicken wir beide mit ernstem Gesichtsaudruck und flüstern uns ein verschwörerisches Weißte Bescheid zu und gucken belämmert. Alexander, mein Neffe hatte mich da allerdings auf eine Idee gebracht. Er erzählte mir nämlich, dass bei dem Computerspiel Die Sims die Toilette anfängt grüne Nebelschwaden freizusetzen, wenn sie nicht geputzt wurde. Aha!, rief ich, geniale Idee, das müsste es im wirklichen Leben geben, dass sämtlicher Rummel anfängt grün zu dampfen, wollen doch mal sehen, wie flott dann aufgeräumt wird. Bei Unordnung wäre das ja noch ganz lustig, aber bei Schmutz wohl weniger. Wer will schon dauernd den Putzfeudel schwingen, um sich nicht in der eigenen Bude zu vergasen. Ach nö – dann doch lieber nur Sims spielen.

Ich möchte bedauert werden

Schaue ich in den Spiegel, kriege ich das große Kotzen. Mein Haar ist ruiniert, meine Mundwinkel nur nach unten gezogen. Jetzt dauert es wenigstens ein Jahr bis die vielen Stufen, die mein Haar durch die Naturwellen gewellt gretchenhaft aussehen lassen, gewachsen ist und mir ein begnadeter Friseur eine Frisur schneiden kann. Mein Herz wird schwer, wenn ich an Pasquale aus Berlin denke, der mir vor einigen Jahren, schnipp schnapp schnippedischnapp flink wie Edward mit den Scherenhänden, einen zauberhaften Schnitt verpasst hatte.

Man sehe ich Scheiße aus.

Es tröstet mich auch nicht im geringsten, dass es Menschen gibt, die hungern und an ihre Frisur nicht einen Gedanken verschwenden.

Umgangssprachliches

In Australien gibt es keine Dialekte. Da quatschen die Menschen in Darwin genauso wie in Melbourne. Es mag inzwischen winzig kleine sprachliche Unterschiede geben, aber eben nicht so wie in vielen anderen Ländern.

Jaime spielt mit einigen Kindern in der Nachbarschaft meiner Mutter und hat auch schon typisch Grafschafter Deutsch aufgeschnappt. Er fragte nämlich meinen Schwager, als wir einen englischen Song im Radio hörten “Verstehst du wat die singen?” Perfekter deutscher Satz - ich bin stolz auf mein Kind. Hier wird schon mal gewat und gedat, was vermutlich auf den Plattdeutschen Einfluss zurückzuführen ist, obwohl in der Stadt Hochdeutsch gesprochen wird und niemand aus meiner unmittelbaren Familie Plattdeutsch beherrscht. Ja gut, mein Schwager, aber der kommt auch nicht aus unserer Stadt, sondern aus einem öden Dorf, in dem er mit meiner Schwester seit ewigen Zeiten lebt. Gerade gestern meinte ich zu meiner Schwester, eigentlich schade, dass es hier nichts wirklich historisches gibt. Das liegt daran, dass das hier mal Moor war. Wenige Kilometer von hier gibt es das auch noch, was mich daran erinnert, das, wenn es endlich wärmer wird, ich dort unbedingt noch einmal spazieren gehen möchte. Die Menschen haben eben in ihren kleinen Katen im Moor und vom Torfabbau gelebt. Was für ein eintöniges Leben das gewesen sein muss, wage ich mir kaum vorzustellen. Wobei mir meine Oma väterlicherseits, geb. 1898, damals mit leuchtenen Augen erzählte, als sie und ihr Mann auf einem Torfschiff, gezogen von Pferden, durch die Kanäle gefahren sind. Das Kleinkind wurde am Tischbein gebunden, damit es nicht wegrutschen konnte, dann wurde auf dem kleinen Kahn getanzt und gefeiert. Dass ich mir meine achtzigjährige Oma jung und unbeschwert kaum vorstellen konnte, versteht sich von selbst. Fange ich einmal einen Satz in Marcos Gegenwart mit “Als ich in deinem Alter war…” an, kann ich zusehen, wie sich seine Augen innerhalb von Nanosekunden verschleiern und seine Gehirnzellen auf Sparflamme arbeiten. Mein Kind kann sich schlecht vorstellen, dass ich nicht als Vierzigjährige auf die Welt gekommen bin, auch wenn ausreichend fotografisches Bildmaterial meinen Lebensweg belegt.

Bin gespannt, wann ich auffer Straße mal wieder das “Anna, komm bei Oma” oder was noch viel schmerzhafter ist “Anna komm bei mich” zu hören kriege ;-)

Sonntags in Deutschland

bedeutet Ruhe.  Zwar ist es erst 8:35 Uhr und ich befinde mich in einem Dorf, dennoch stelle ich die kühne Behauptung auf, in D. ist es am 7. Tag ruhiger. Die Geschäfte sind auf jeden Fall geschlossen, Familien haben die Gelegenheit etwas gemeinsam zu unternehmen, während man in Oz einkaufen kann, wie an jedem Werktag. Ich sehe es seit Jahren an meiner Familie, John und Marco arbeiten auch regelmäßig an Wochenenden, ich gehe unter Umständen mal ins Einkaufszentrum oder in den Supermarkt. Hat durchaus seine praktischen Seiten, brauche ich nicht sorgfältig zu planen was den Lebensmittelvorrat angeht. Dass sich aber rein gefühlsmäßig ein Sonntag nicht mehr vom Montag unterscheidet, kann auch Gift fürs Familienleben sein..

Ab dem 1. Mai finden wieder Ritterspiele an der Burg statt. Soeben stelle ich fest, dass dies eigentlich das Wochenende ist, an dem ich nach Düsseldorf fahren wollte. Muss ich einen anderen Termin dafür finden. Dieses Mal möchte ich auf jeden Fall Ritter an meiner Burg sehen und bin mal gespannt, ob dem Jaime das gefällt. Ich könnte mir vorstellen, dass er nicht wirklich etwas damit anfangen kann. Ritter sind ihm zwar irgendwie bekannt, aber irgendwie auch wieder nicht. Und nur zugucken findet er bestimmt langweilig. Aber egal, manchmal kommt auch in mir das Kind heraus und ich freue mich diebisch ein mittelalterliches Spektakel zu erleben. Was mich jetzt zur Geschichte bringt, die mich, je älter ich werde, fasziniert. Diese weit zurückliegende Geschichte haben wir in Oz nicht – sie fehlt mir down under. Gerade sie macht das Leben in Europa so interessant. Schon als Kind bin ich regelmäßig zur Burg gepilgert. Wenn ich den steilen kopfsteingepflasterten Weg zum Haupttor hinauf schnaufe und hindurch gehe, fühle ich mich in die Vergangenheit versetzt und stelle mir jedes Mal vor, wie Ritter und Burgfräulein hindurch gewandelt sind. Naja gut, vermutlich saßen sie auf einem Pferd und die Fräulein sind auch eher kutschiert worden. Wie das mit Burgen so ist, stehen sie meistens auf einem Hügel, so auch diese. Kommt man aus einer Nebenstraße, erstreckt sich eine Seitenwand (mit Himmelsrichtungen hab ich es auch nicht so) der Burg an einer Steilwand so hoch über einem, dass es mir jedes Mal fast den Atem verschlägt. Wie mühsam muss es gewesen sein, dieses Bauwerk zu erschaffen.

 

Englisch

will ich nicht wirklich hören und sprechen schon gar nicht. Mir tut es unendlich gut, meine Muttersprache zu sprechen, auch wenn ich hin und wieder mal nach einem treffenden Ausdruck suchen muss. Macht nix, kennen meine Leute von mir und so schlimm, wie es am Anfang meiner Auswanderung einmal war, ist es schon lange nicht mehr. Kommt man sich ja auch deppenhaft vor, wenn man herum stammelt. Mit Jaime spreche ich einen Mischmasch aus Deutsch und Englisch, wobei er sich sehr anstrengt Deutsch zu sprechen. Wenn uns jemand im Geschäft reden hört, denkt man sich vermutlich, boh ey haben die eine Macke. Andererseits weiß ich natürlich nicht, was in den Köpfen fremder Menschen vor sich geht und da sag ich mal ganz salopp – geht mir auch am Arsch vorbei.

Wenn man nichts zu sagen hat

schreibt man übers Wetter. Wetter geht immer. Auch in Oz. Da war es gestern, obwohl schon Herbst 30 Grad, wie John mir heute morgen am Telefon erzählte. Macht irgendwie auch Angst – Herbst soll verdammt noch mal Herbst bleiben – und sich nicht zum Spätsommer entwickeln. Mag sein, dass es eine Ausnahme ist, solls ja geben, mal ist es heißer, mal kälter im Sommer/Winter. Das Schlagwort der Weltbevölkerung will ich jetzt einfach nicht dafür benutzen.

John war mit unserem Hund im Park gelaufen, dort wo immer jede Menge Kakadus in den Bäumen hocken. Auf einem Baumast saßen dicht gedrängt wahnsinnig viele Cockies. Ein einzelner kam angeflogen, wollte sich auch noch auf diesem Ast niederlassen, es wurde jedoch kein Platz gemacht oder vielleicht gab es auch keinen. Der Vogel flog dann noch einige Ehrenrunden, kam wieder angeflogen und wollte sich unter dem Ast niederlassen. John hätte gerne gesehen, ob er sich wirklich kopfüber drangehängt hätte, aber da brach der gesamte Ast vom Baum und der riesige Schwarm Kakadus flog aufgeregt kreischend durch den Park. Sah bestimmt lustig aus.

In meiner ersten Woche in Deutschland ist nicht viel passiert. Die ersten Tage bin ich relativ früh ins Bett gegangen, weil mir spätestens gegen 22 Uhr die Augen zufielen. Inzwischen gehts etwas besser. Leider ist es kälter, als ich für April gedacht hatte, was nicht unbedingt meine Stimmung trübt, aber deswegen lästig ist, weil ich nicht ausreichend warme Kleidung dabei habe. Hätte auch nichts einpacken können, sämtliche Winterpullis hatte ich vor einigen Monaten aussortiert und müsste mir neue kaufen. So trage ich mal mehr, mal weniger T-Shirt Schichten unter meiner Sommerjacke. Oder ich ziehe die geliehene Jacke meiner Schwester an. Was meine Stimmung auf jeden Fall hebt ist der Sonnenschein, von dem wir recht viel in den letzten Tagen hatten. Sonnenschein geht auch immer.

 

Schwimmen waren wir am Donnerstag in einem kleinen Bad in Holland. Die haben dort eine Strömung im Wasser, sodass man durchs Wasser flitzt. Macht richtig Spaß und Jaime kann jetzt auch endlich schwimmen. Es gibt dort auch ein Dampfbad, da sind wir dann rein und haben versucht entspannt im Dampf zu hocken. Leider saß dort auch eine Horde deutscher Frauen, die sich kurz vorher beim Bewegungsbad auf Rezept ausgeturnt hatte und laberte. Quer von hinten rechts nach vorne Mitte und so. Eine solche Unterhaltung ist natürlich schwierig, insbesondere, wenn zwei Gruppen verschiedene Themen drauf haben, aber trotzdem überall mitquatschen will. Sie wurden lauter und lauter und am liebsten hätte ich Party Pooper gespielt und um etwas mehr Ruhe gebeten. Ich mein, wir waren zwar nicht in der Kirche ja, aber erstens interessierten mich deren Gespräche einen Scheiß und zweitens konnte ich noch nie laute Frauenstimmen ab. Können sich ja gerne unterhalten und Spaß haben, aber bitte – muss das in einer solchen Lautstärke sein?

Gestern war ich auch noch beim Friseur und habs schon bereut, dass ich mich nicht einfach dazu entschieden hatte, die Seiten wieder stufig schneiden zu lassen, fertig. Aber wenn ich es recht bedenke, habe ich schon gesagt, dass ich es stufiger haben möchte und auch etwas ausgedünnt. Ich habe nämlich eine ziemliche Wolle auf dem Kopf und noch dazu Naturwellen. Wenn das Haar länger wird, der Schnitt also raus ist, ist es einfach zu schwer und zuviel Haar. Was soll ich sagen, ich habs jetzt super durchgestuft, kürzer als ich beabsichtigt hatte und ärgere mich. Genau so wollte ich nicht aussehen! Es sieht jetzt nicht besonders schlimm aus, aber ich bin nicht zufrieden damit. Auch nicht, wenn meine Mutter solche Sachen sagt wie…”Ach das steht dir doch so gut, wenn deine Natur rauskommt. Ich mag das gerne bei dir leiden.” Oder was Mütter so sagen. Meistens mögen sie ja genau das Gegenteil von dem, was man für sich selbst leiden mag. Seltsames Phänomen.

Uuaahh – man bleibt für immer und ewig jemandes Kind ;-)

Es lebt noch

Gestern Mittag halb tot aus dem Flugzeug gestiegen, sah mir nur entfernt ähnlich. Während des Marathonfluges hatte ich immer mal wieder die Vorstellung, für immer weiter fliegen zu müssen, wie in einem Albtraum oder einem Horrofilm. Es kann sich niemand vorstellen wie anstrengend das alles ist, der diesen Tripp nicht schon einmal selbst gemacht hat.

Heute morgen sehe ich mir schon ähnlicher, fühle etwas Schwäche in den Beinen, aber ansonsten gehts mir gut. Die Sonne scheint, kühl ist es und ich habe mal wieder nicht unbedingt die richtige Kleidung dabei. Nix Neues hier, passiert mir immer im Urlaub. Ich glaube ich eigne mich nicht als Urlauberin.

Ein Gepäckstück habe ich im Parkhaus in Düsseldorf vergessen. Da dies aber eine eigene Story wert ist, berichte ich davon später. Mir hängt gerade während des Schreibens Etwas halb am Rücken, hört manchmal auch auf den Namen Jaime. Mein Onkel und Jaime unterhalten sich gleichzeitig mit mir, während ich schreibe. Frauen können ja besser multitasken, als Männer und so hoffe ich, ich schreibe durch die Ablenkung keinen Mist. Ist aber auch egal, ich kanns ja immer noch auf Jetlag schieben.