Fazit – Harz IV

Obwohl wir auf knorkeharten Matratzen schlafen mussten, unsere Köpfe auf 80×80 cm große Kopfkissen betteten (fuck me dead – wer schläft noch auf solche monströsen Kopfkissen?), uns der alte Mief in unserer Dachkammer immer wieder gleich nach dem Öffnen der Tür in die Nüstern drang, es keine einzige Uhr dort gab, geschweige denn einen Radiowecker, die Fernbedienung nicht funktionierte, wir klitzekleine Handtücher hatten, einen uralt Wasserboiler, den mein Sohn schon nicht mehr ohne Anleitung bedienen könnte und 1 1/3 Rollen Klopapier für 5 Personen, die trotz aller Bemühungen nicht für 3 Tage reichten und noch nicht einmal ein klitzekleines Stückchen Gästeseife bereit lag, hatten wir trotzdem Spaß. Immer dann, wenn wir uns über unser Elend lustig gemacht haben.

 

Fazit – einmal Harz reicht fürs Leben, der Baustil der Häuser war arschlangweilig bis einfallslos deprimierend. Außer in der Goslarer Altstadt, die ist eine Reise wert. Solch wunderschöne mittelalterliche Bauten habe ich vorher noch nie gesehen. Ansonsten kann mir diese Gegend gestohlen bleiben und jetzt entschuldigt mich bitte, ich radiere mal eben diesen Teil Deutschlands von meiner Landkarte.

Frittenbuden-Cappuccino – Harz III

und einen dicken Hals (meinen) gab es neben dem Café unterhalb des Eingangs zur Tropfsteinhöhle. Nachdem die Kinder und ich uns einer Führung durch die Höhle angeschlossen hatten, war ich zwar am Ende nicht wirklich so richtig durchgefroren, aber etwas Warmes wollte ich trotzdem trinken, denn unser Tisch stand im Schatten. Verschieben ging nicht, es gab nur ein einziges sonniges Plätzchen und das war bereits besetzt. Schon als der Becher (!) Cappuccino noch nicht gänzlich die Tischplatte erreichte sah ich die ölig schimmernde Milchschaummasse und musste heftig schlucken. Zucker rein, flugs umgerührt, Schluck probiert und die Brühe beinahe wieder ausgespuckt. Ungläubigkeit auf meiner Seite, gepaart mit saudummen Gesichtsausdruck griff ich zum Löffel und rührte kräftig in der schlappen Brühe. Einen zweiten Schluck genommen, dann das heiße Wasser stehen gelassen. So etwas Ekeliges habe ich seit Jahren nicht serviert bekommen.

 

Ilona steht in der Café-Küche und will gerade einen Beutel Instant-Cappuccino (sollte auf der Liste der Dinge stehen, die die Welt nicht braucht!) in den Plastikbecher schütten, als ihr Chef ums Eck lauert.

„Bist du des Wahnsinns? Willst du mich in den Ruin treiben?“ Hektisch reißt er ihr das Tütchen aus der Hand. Sie guckt doof.

„Der Inhalt reicht mindestens für 3 Cappuccino, du Doof.“

Ilona schämt sich und steht Todesentlassungsängste aus. Er rührt ungnädig Pulver in Plastikbecher, gibt noch einen Schuss bräunlich-schmutzige Lebensmittelfarbe hinzu, damit der Gast nicht erkennt, dass er heißes Wasser serviert bekommt. So schnell kommt man an das Geld fremder Leute. Was mache ich falsch? Und warum habe ich diese Plörre überhaupt bezahlt? Bin ich bescheuert?

Wenn nicht Café und Restaurant auf dem Eingangsschild gestanden hätte, hätte ich mir bestimmt kein „exotisches“ Getränk bestellt.

Im Übrigen ruinieren nicht nur Nepp-Preise für Kaffee, der gar keiner ist, die Laune, nein auch Tropfsteinhöhlen können die Frisur ruinieren, bei konstanten feuchten +8 Grad. Dass es hin und wieder von der Decke tropft, mag man zwar durchaus vorher wissen, aber nur das authentische Tröpfeln auf den eigenen Kopf bringt 100 % Gewissheit.

Nicht alle Tourführer sind begnadete Rhetoriker und wenn sie doch einigermaßen spannend erzählen, kann es immer noch passieren, dass sie einen Kalauer bringen, über den Niemand lacht.

„Bitte denken Sie daran, dass es hier stellenweise sehr niedrige Durchgänge gibt und bücken Sie sich rechtzeitig. Der Fels gibt nicht nach!“ Der Ball ist rund, dachte ich und war schon seit Jahren nicht mehr so peinlich berührt. Vielleicht ist dieser unwitzige Witz bei der Gruppe vor uns so gut angekommen – man hat sich kollektiv vor Lachen auf die Schenkel geklopft, durch den Tränenschleier der Lachtränen kaum noch seine dunkle Umgebung wahrnehmen können und erzählt zukünftigen Generationen gerne von dieser originellen Führerin – dass dieser bescheuerte Satz auch bei uns zum Einsatz kam. Wobei mir jetzt natürlich der ebenso vor Witz sprühende griechische Kellner in einem anderen Restaurant einfällt. Ein Witz ist ok, zwei geht auch noch, bei dreien wirkt es schon krampfhaft, beim vierten zwanghaft, beim fünften möchte man nur noch schreien oder zuschlagen.  Oder schreiend zuschlagen.

Übrigens hat dieser Grottenmolch, der uns durch die Höhle führte, ungefähr 150 x betont, dass der Fantasie keine Grenzen gesetzt seien. „Verschiedene Menschen sehen verschiedene Gebilde in den Stalaktiten und Stalagmiten.“ Bis wir an ein großes Gebilde kamen und Jaime meinte, es würde aussehen wie ein Cake (Kuchen\Torte). „Najaa“, meinte sie geringschätzig-langgezogen und hätte sich um ein Haar eine verbale Ohrfeige von mir eingefangen. Aber wie das so ist, alles findet in Sekundenbruchteilen statt, auch das Denken Du dämliche Pflaume. Gebe ich jetzt Paroli oder nicht? Ehe man sich so richtig entschieden hat, ist der Moment auch schon vorbei. Lurchi meinte jedenfalls es sähe aus wie ein Bienenstock und ich fand es sah aus wie ein Zuckerhut mit Geschwüren. Ich habe auch Penisse gesehen, aber das behalte ich lieber für mich.

Seniorenauflauf – Harz II

jede Menge Fichten und eine Müffelbude gab’s im Harz. Wer den Anblick von Fichten in rauen Mengen faszinierend findet, der ist dort durchaus gut aufgehoben. Und wer so wie wir ein bisschen aufs Geld bei der Zimmersuche gucken muss, darf sich hinterher nicht beklagen, wenn man sich beim Betreten der Ferienwohnung schlagartig ins Deutschland der späten 50er\frühen 60er zurückversetzt fühlt. Während die Kinder begeistert durch die Dachwohnung rannten, fror das Entsetzen auf den Gesichtern der Erwachsenen fest.

„Ich frag’ mich“, flüsterte Alexander (13 J.) mit bewunderungsvoll gedämpfter Stimme, „wie viel Geld die hier wohl für die Einrichtung ausgegeben haben.“

„Ich nicht!“, sagte mein Schwager und verzog keine Miene.

Sylvia und ich blieben einige Sekunden lang stumm, bis wir gleichzeitig ein: „Nä nee?!“ über die zusammengepressten Lippen brachten. Ich glaubte mich erinnern zu können, dass meine Oma väterlicherseits oder waren es doch die anderen Großeltern, in meiner frühen Kindheit im Besitz solcher Sessel waren, von denen ich bis heute nicht wirklich weiß, ob es eine optische Täuschung ist, dass die Sitzfläche wirkt, als würde sie nach hinten hin leicht schräg abfallen. Ich glaube aber, es ist keine. Wie sonst lässt sich erklären, dass man sich affig vorkommt in einem solchen Sessel zu sitzen, dessen Armlehnen am vorderen Ende spitz nach oben führen und aus dem man Mühe hat wieder aufzustehen. Oma N. war übrigens Jahrgang 1898. Die durfte solche Möbel haben. Im Jahre 2008 sollte der Besitz solcher Möbel meiner Meinung nach mit einer Geldstrafe geahndet werden.

Mein Schwager (195 cm groß) konnte sich im Dachkammerbadezimmerspiegel nur im Sitzen auf dem Badewannenrand betrachten. So bequem hat er es noch nie gehabt, behauptete er.

In der Straße, in der das Haus stand, gab es eine Seniorenresidenz. Nicht nur sie allein kann verantwortlich gewesen sein, für das vermehrte Auftreten älterer Herrschaften. Im Ort wimmelte es nur so von ihnen, was wir, in der Blüte unserer Vierziger, etwas unspannend fanden. Ich meine, wer will schon ständig an seine eigene Sterblichkeit erinnert werden? Und hochgeklappte Bürgersteige gegen 18 Uhr sind auch nicht der Renner. In unserer Straße gab es mehrere Ferienhäuser, die leer standen. Wir wissen nun zumindest warum eins leer stand. Am Gartenzaun hing ein Schild: Gemütliche Ferienwohnung (von 4-6 Personen) zu vermieten. Ich weiß bis heute nicht, warum 4-6 Personen eine Ferienwohnung vermieten. Und warum ein zweites Schild mit identischem Wortlaut an der anderen Seite des Zauns hing.

Am zweiten Abend saßen wir draußen an einem Tisch der „Brutzelbude“. Da wir nur ein Bier trinken wollten, war es mir egal, ob wir an einer Imbissstube saßen. Meiner Schwester aber nicht, denn die saß genau am Eingang und regte sich über den Gestank auf, der aus der Bude drang. Was mich zu der Frage veranlasste „Was meinst du, kommt der Mief in der Wohnung von den alten Polstermöbeln?“

„Nein“, sagte sie bestimmt. „Auch nicht von den Vorhängen.“

„Woher weißt du denn das?“

„Ich habe überall dran gerochen.“

„Waas? Du bist durch die Wohnung gelaufen und hast alles angeschnüffelt?“

„Klar. Macht mich verrückt, wenn ich nicht weiß woher ein Geruch kommt.“

„Und?“

„Der Mief sitzt in den alten Wänden.“

Na, das hätte ich ja gerne gesehen, wie die Gute einem Spürhund Konkurrenz gemacht hat.

Reisen macht hungrig – Harz I

Am Tag unserer Abreise in den Harz bin ich gegen halb sieben aufgestanden. Wenn ich wach werde, stehe ich auch auf. Seitdem ich in Deutschland bin, bin ich zur Frühaufsteherin mutiert. Wacht meine Schwester auf, dreht sie sich noch mehrmals um und schläft weiter. Wir hatten gesagt, dass wir gegen 10:30 Uhr losfahren, tatsächlich sind wir erst nach 12 Uhr weg gekommen. Dementsprechend hungrig war ich nach einer Stunde Autofahrt. Meine Schwester hatte die weise Voraussicht belegte Brötchen und Kaffee mitzubringen und so schmausten wir gemütlich an einer Raststätte in der Sonne. Bis ein Mann, der hinter uns geparkt hatte, an uns vorbeilief, grinste und meinte: „Weit sind Sie ja noch nicht gekommen.“ Woher wusste er, wie lange wir schon gefahren waren, fragte ich mich mit vollen Backen, bis mein Blick auf sein Kennzeichen fiel. Aha, er kam aus der gleichen Gegend wie wir. „Ich hab’ seit dem Frühstück nix mehr gegessen“, nuschelte ich ihm zu. „Na dann…“ „Erzählen Sie es nicht weiter, dass wir hier schon mampfen.“ „Nö, mach ich nicht.“ Weg war er. Ob der sich dran hält? Immerhin haben wir meinen Schwager, der in seiner Kindheit bei Schulausflügen bereits drei Kilometer nach der Abreise anfing sein Proviantpäckchen zu öffnen und futterte, nicht übertroffen. Es ist schön gemeinsam Spaß zu haben. Als wir wieder losfuhren und ich das nächste Abfahrtsschild sah, kam ich mir dann doch etwas doof vor. Da war mir erst klar geworden, dass wir sozusagen gleich ums Eck schon wieder angehalten hatten. Bis fünf Leute und Picknickkorb wieder im Auto verstaut sind, vergeht ganz schön viel Zeit. Ich fahre nicht gerne auf deutschen Autobahnen. Als Beifahrerin auf dem Rücksitz blieb mir häufig nichts anderes übrig, als die Augen zu schließen und zu hoffen, dass man mich nicht bei einem Unfall vom Sitz kratzen muss. Männer bremsen sehr ungern wie ich finde. Als ob Geschwindigkeit reduzieren ein Zeichen von Schwäche wäre. John macht das genauso, behauptet jedoch steif und fest, dass ich zu schnell fahre, zu spät bremse und überhaupt gerne beim Abbiegen um Straßenecken brause, dass es ihn nur so durchs Auto schleudert. Selbstverständlich mache ich das mit Vergnügen absichtlich. Fahre ich alleine, schnecke ich herum.