Langsam wird es dringlicher, dass Jaime nach Hause möchte. Grad heute morgen fragte er mich hoffnungsvoll, ob es nicht schon Mitte Juni wäre. Da ich nun doch nicht als Hundesitterin gebraucht werde, stünde einem früheren Rückflug eigentlich nichts im Wege. Wenn da nicht meine fürchterliche Trägheit wäre den Telefonhörer ans Ohr zu pressen und bei Emirates meinen Flug umzubuchen. Die Vorstellung in den nächsten Tagen meine Sachen zu packen, Abschied zu nehmen, zu wissen, dass ich vorläufig nicht wiederkommen werde, vielleicht sogar meine Großmutter zum letzten Mal lebend gesehen zu haben, tja…also…die lässt mich, so unnachvollziehbar es für den einen oder anderen sein mag, weiterhin stumpf auf dem Sofa hocken und immer träger werden. Sie lässt mein Gehirn auf Sparflamme arbeiten, die Augen feucht werden. Der Unwille wieder in meinen Alltag zurück zu kehren, auch wenn er mir doch irgendwie fehlt, breitet sich aus wie mein Hintern auf dem Sofapolster.
Ich würde mir wünschen dieses hin- und her gerissen sein würde endlich ein Ende nehmen. Seit 10 Jahren gehts mir so und kein Ende in Sicht. Liegt es denn wirklich nur an mir oder gehts allen Migranten so? Was ich nicht haben kann will ich jetzt und was ich habe weiß ich nicht zu schätzen?
Bald nur noch über Telefon und Internet mit der Familie in Verbindung zu stehen ist auch nicht verlockend. Es kann auch ganz schön nervig sein. Der Zeitunterschied setzt Planung voraus, das alleine nervt schon. Dass in den vergangenen fünf Jahren nicht eine Person zu uns gekommen ist, ist eigentlich piss poor wie ich finde. Ich habe das Gefühl, dass ich immer in Wartestellung bin. Ich will nicht mehr warten und auch nie wieder fragen: “Wann kommst du denn?”
Warum bin ich eigentlich so doof und verbrate regelmäßig eine große Summe Geld, von der andere Leute locker vier Wochen im super Hotel auf den Fiji-Inseln Urlaub machen können – Vollpension - versteht sich. Und warum nehme ich mich wichtiger, als andere? War denn nicht ich diejenige, die gegangen ist? Muss es nicht so sein, dass dann auch ich kommen muss und man niemandem einen Vorwurf daraus machen kann, dass sie ihre Prioritäten anders setzen – zum Teil auch müssen, das will ich nicht verschweigen. Ich habe das Gefühl es wird sich in Kürze etwas Wesentliches in meinem Leben (ver)ändern. Vielleicht geht das bei mir immer nur im 10-Jahres-Rhythmus – vielleicht muss das so sein. Viele solcher Rhythmen werde ich wohl nicht mehr erleben – da muss ich zu sehen, dass ich den ganzen Prozess demnächst in 5 Jahresabständen schaffe – in zwei Jahren wäre natürlich noch besser.