jede Menge Fichten und eine Müffelbude gab’s im Harz. Wer den Anblick von Fichten in rauen Mengen faszinierend findet, der ist dort durchaus gut aufgehoben. Und wer so wie wir ein bisschen aufs Geld bei der Zimmersuche gucken muss, darf sich hinterher nicht beklagen, wenn man sich beim Betreten der Ferienwohnung schlagartig ins Deutschland der späten 50er\frühen 60er zurückversetzt fühlt. Während die Kinder begeistert durch die Dachwohnung rannten, fror das Entsetzen auf den Gesichtern der Erwachsenen fest.
„Ich frag’ mich“, flüsterte Alexander (13 J.) mit bewunderungsvoll gedämpfter Stimme, „wie viel Geld die hier wohl für die Einrichtung ausgegeben haben.“
„Ich nicht!“, sagte mein Schwager und verzog keine Miene.
Sylvia und ich blieben einige Sekunden lang stumm, bis wir gleichzeitig ein: „Nä nee?!“ über die zusammengepressten Lippen brachten. Ich glaubte mich erinnern zu können, dass meine Oma väterlicherseits oder waren es doch die anderen Großeltern, in meiner frühen Kindheit im Besitz solcher Sessel waren, von denen ich bis heute nicht wirklich weiß, ob es eine optische Täuschung ist, dass die Sitzfläche wirkt, als würde sie nach hinten hin leicht schräg abfallen. Ich glaube aber, es ist keine. Wie sonst lässt sich erklären, dass man sich affig vorkommt in einem solchen Sessel zu sitzen, dessen Armlehnen am vorderen Ende spitz nach oben führen und aus dem man Mühe hat wieder aufzustehen. Oma N. war übrigens Jahrgang 1898. Die durfte solche Möbel haben. Im Jahre 2008 sollte der Besitz solcher Möbel meiner Meinung nach mit einer Geldstrafe geahndet werden.
Mein Schwager (195 cm groß) konnte sich im Dachkammerbadezimmerspiegel nur im Sitzen auf dem Badewannenrand betrachten. So bequem hat er es noch nie gehabt, behauptete er.
In der Straße, in der das Haus stand, gab es eine Seniorenresidenz. Nicht nur sie allein kann verantwortlich gewesen sein, für das vermehrte Auftreten älterer Herrschaften. Im Ort wimmelte es nur so von ihnen, was wir, in der Blüte unserer Vierziger, etwas unspannend fanden. Ich meine, wer will schon ständig an seine eigene Sterblichkeit erinnert werden? Und hochgeklappte Bürgersteige gegen 18 Uhr sind auch nicht der Renner. In unserer Straße gab es mehrere Ferienhäuser, die leer standen. Wir wissen nun zumindest warum eins leer stand. Am Gartenzaun hing ein Schild: Gemütliche Ferienwohnung (von 4-6 Personen) zu vermieten. Ich weiß bis heute nicht, warum 4-6 Personen eine Ferienwohnung vermieten. Und warum ein zweites Schild mit identischem Wortlaut an der anderen Seite des Zauns hing.
Am zweiten Abend saßen wir draußen an einem Tisch der „Brutzelbude“. Da wir nur ein Bier trinken wollten, war es mir egal, ob wir an einer Imbissstube saßen. Meiner Schwester aber nicht, denn die saß genau am Eingang und regte sich über den Gestank auf, der aus der Bude drang. Was mich zu der Frage veranlasste „Was meinst du, kommt der Mief in der Wohnung von den alten Polstermöbeln?“
„Nein“, sagte sie bestimmt. „Auch nicht von den Vorhängen.“
„Woher weißt du denn das?“
„Ich habe überall dran gerochen.“
„Waas? Du bist durch die Wohnung gelaufen und hast alles angeschnüffelt?“
„Klar. Macht mich verrückt, wenn ich nicht weiß woher ein Geruch kommt.“
„Und?“
„Der Mief sitzt in den alten Wänden.“
Na, das hätte ich ja gerne gesehen, wie die Gute einem Spürhund Konkurrenz gemacht hat.