Bringt mir meine deutsche Nachbarin eine Tüte voll selbstgezüchtete Tomaten. Habe ich mich richtig drüber gefreut. Sagt sie: ” Der Kleine ist besser geworden mit seinem Schlagzeugspiel.” Ja, das ist er auch. Lustig, dass sie und ihr Mann es auch bemerkt haben. Nein, das war keine Anspielung von ihr auf die Lautstärke. Sie können es zwar hören, aber er spielt weder täglich, noch stundenlang und außerdem haben sie mehrere Male gesagt, es würde sie überhaupt nicht stören. Sind ohnehin beide etwas schwerhörig. Schätze mal weit in den siebzigern, die beiden. Und dann guckt sie mich an und sagt aus heiterem Himmel: ” Gut siehst du aus.” Worüber ich sehr überrascht war, mich aber dennoch gefreut habe. Vor allem, weil ich das Gefühl habe ich trage ewig die selben Klamotten, meine Haut über Nacht schlaffer wird und von den Haaren red ich jetzt mal gar nicht.
Was mich zu Marcos Erlebnis bringt. Der musste zu Centrelink und meinen alten Reisepass mitnehmen, weil darin noch unser Visa war. Der Pass ist inzwischen ungültig, das Foto darin schwarzweiß und ich mit langen wallewalle Haaren und ca. 28 Jahre alt. Sagt der Shri Lankan Typ, der ihn bedient hat, zu ihm: “Your mum is really pretty.” Marco war sprachlos, ich hab herzhaft gelacht (und mich natürlich diebisch gefreut, weil ich ja sonst wenig Freude habe und wenn man so wie ich unters älterwerden leidet, dann nimmt man die Komplimente schamlos, wie sie kommen – ja ich weiß – ich bin richtig shallow). Meinte Marco zu mir, er hätte sich nur gedacht…eye dude, du sprichst hier von meiner Mutter! Ist das nicht typisch für “Kinder”? Für Marco und natürlich für Jaime, bin ich nicht Frau, ich bin MUTTER. Geschlechtslos, anspruchslos, allzeit bereit alles stehen und liegen zu lassen und beim suchen zur Hilfe zu eilen und so ein bla.
Ich dachte mir nur, mmh ziemlich unangemessen von dem Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes so eine Bemerkung zu machen, das gehört sich so einfach nicht. Kommt wieder die Deutsche in mir hoch. Aber egal. Tatsache ist, mein Hintern scheint auch über Nacht breiter zu werden, der Rest meines Körper lässt nach, ich finde mich nicht pretty. Und mein Zahnarzt kann sich vermutlich bald ein neues Auto von meiner nächsten Behandlung leisten. Ach so ja…mmh…vielleicht findet der Typ mich beinahe 15 Jahre später – also in Echtzeit – auch nicht mehr so prickelnd. Was mir herzlich egal ist.
Manchmal stehe ich vor dem Spiegel und denk mir…unter der Haut ist nix anderes als Knochen, Muskeln und Nerven. Dir guckt jetzt ein Skelett entgegen. Komisches Gefühl. Das sind oft die Momente, in denen sich alles relativiert. Mit anderen Worten – nix wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. In diesem Sinne schicke ich euch mit ein bisschen human touch ins Wochenende. Und denkt einfach dran, mal wieder nett zu euren Mitmenschen zu sein. Oft ist es so – obwohl ich mich seit Jahren wirklich bemühe, wenn ich Kritik üben muss, zunächst etwas freundliches zu sagen, dass einem negatives schneller, leichter, fließender über die Lippen kommt. Aber ganz ehrlich, ein Lob, ein Kompliment auszusprechen, ist so schwer nicht und erhellt den Tag des Empfängers. Ende der Predigt. Schönes Wochenende.