Paar Sätze gelesen – zur Seite gelegt

Was ist bloß los mit mir, dass ich seit Wochen kein Buch mehr interessant genug finde, um es entweder vollständig zu lesen oder es wenigstens quer zu lesen? Ich lese Sätze, die mich nicht interessieren, Dialoge, die ich nervig finde, ich erkenne Schreibtechnik in Sätzen, die man nicht erkenne sollte. Vielleicht gehts auch nur mir so im Moment, aber alles erscheint mir so öde. Als hätte ich im letzten Jahr meinen gesamten Vorrat an Buchstaben gelesen, der eigentlich ein Leben lang vorhalten sollte. Ich lese seit meinem 6. Lebensjahr – ohne Unterbrechung. Nix, aber auch gar nichts, kann mich im Moment fesseln, dabei fühle ich mich durchaus ok. Ich bin weder depremiert, noch über die Maßen melancholisch, ich habe keinen Zeitdruck und ich bin immer an gute Geschichten interessiert. Ich mag einen eigenwilligen Stil beim Schreiben, ich mag interessante Charaktere – logisch – welcher Leser mag die nicht? – aber ich mag es so gar nicht, wenn auf 5 Seiten gleich zwei verschiedene Personen eine premonition haben – eine Vorahnung, dass etwas nicht ganz in Ordnung ist. So ein bullshit! Worum gehts? Ein Buch von Carol (?) Higgins Clark (mit oder ohne e am Ende – who cares?), die Tochter von Crime Queen Mary Higgins Clark. Sie mag durchaus gute Bücher schreiben, die Tochter, ich kann es nicht beurteilen, ich hab keins ihrer Bücher zu Ende gelesen.

Aber es geht mir auch mit vielen anderen SchriftstellerInnen so und ich würde gerne mal wieder eine neue Stimme entdecken. Gerne auch im nicht Krimigenre. Serienkiller öden mich an, Privatdedektive öden mich an, Privatdedektive wider Willen – Amateur Sleuth im englischen genannt – öden mich an – vermutlich öde ich mich selbst an. Boh. Man. Doof.

Ich würde gerne einfach mal wieder in eine Story abtauchen, die mich fesselt, die nichts mit Terroristen, Muslims, Religion allgemein, krankhaft unterdrückten Impulsen – oder auch nicht mehr unterdrückten Impulsen – zu tun hat – in der Mutti nicht an allem Schuld trägt, in der muss es vor Humor nicht so wimmeln – der aber auf keinen Fall zu kurz kommen darf. Ich will von Forensik überhaupt nichts mehr lesen oder wissen, ich möchte nicht wissen, auf wie viele Arten man sich gegenseitig ins Jenseits befördern kann, aber pure Romantik will ich auch nicht lesen. Auch keine Bücher über Frauen, die sich bis zur Erschöpfung dem Einkaufsritual hingeben, die ihre Designermode kennen, aber nicht die Hauptstadt von Deutschland.

Ich will auch keine Bücher über die Unterdrückung der Frau lesen. Nicht aus Afrika, nicht aus Asien, nicht aus dem Nahen Osten. Einen John Irving – vielleicht – aber nicht Until I find you. Keine wahren dramatischen Geschichten, keine Aufarbeitung der eigenen Biografie, kein Sachbuch. Einen Jasper Ffjorde – maybe – aber ich hab schon so viele Bücher von ihm gelesen. Keine Marianne Fredriksson, überhaupt keinen skandinavischen Schriftsteller und auch keinen Amerikanschen.

Ich bin vor drei Wochen angefangen – Schnee, der auf Zedern fällt – zum zweiten Mal zu lesen – das Buch ist mindestens 10 Jahre alt, wurde auch inzwischen verfilmt – wie ich meine – aber es liegt zu verstauben auf meinem Nachttisch. Gut, manchmal bin ich einfach zu müde, habe besseres im Bett zu tun, als zu lesen…aber seit Wochen nicht über Seite 20 oder was hinauszukommen,  ist für eine Vielleserin und Gerneleserin doch mehr als peinlich.

Ich will nichts über Klimawandel hören oder lesen, nichts über beste Freundinnen, nichts über Küchentischpsychologie. Nichts Historisches, nichts Jane Austen mäßiges, nichts über Ärzte, Ingenieure, Ärzte, die ihre Wunden lecken und eigentlich das Arzt-Sein aufgegeben haben, Krankenschwestern, nichts über englische Adelige, die die Welt nicht versteht – weil nicht britisch – ich will nichts über Körperflüssigkeiten lesen, ich will einen guten, lesbaren und interessanten Mix lesen. Ich will keine Industrie mehr unterstützen, die Bestseller im “Labor züchtet.”

Keine ellenlangen Beschreibungen von Landschaft oder Kleidung, keine Fantasie-Literatur, keine Science Fiction. Die Bibel will ich aber auch nicht lesen! Ja – was denn nun? Klassiker mit Schachtelsätzen? Drauf geschissen.

Vorschläge?

Rührselige Oz-Madam

Gestern noch einen mittelschweren heimlichen Nervenzusammenbruch bekommen, wegen Teenagern im Haus und so, heute sind die beiden nach Sydney geflogen. Vorher hatten sie stundenlang ihre diversen Kabel sortiert und auch den ganzen Papierkram, der sich über die Monate angesammelt hatte. Nun habe ich mein Haus mehr oder weniger wieder für mich und bekam doch glatt nach nur dreistündiger Abwesenheit dieser im Grunde doch liebenswerten jungen Leute, einen Anflug von Rührseligkeit. Es ist zu ruhig im Haus. Mit Schrecken denke ich daran, dass sie bald nach Deutschland fliegen und dann wird alles irgendwie nur ein Traum gewesen sein. Zu schnell kann man sich an Situationen gewöhnen – in beide Richtungen.

Eigentlich traurig, da Katharina nicht nur meine Nichte ist, sondern auch mein Patenkind. Wenn ich darüber nachdenke, wie wenig ich sie in den vergangenen Jahren gesehen habe, tuts doch weh. Alexander, mein Neffe, ebenso. Zu eng beieinanderhocken ist nichts und zu weit weg ist irgendwie auch nicht richtig.

Ich bin froh, dass diese kleine, aber feine Familie, die ich in Deutschland mein Eigen nennen kann, so regelmäßig Kontakt hält. Immer wieder stelle ich fest – Familie ist wichtig. Nicht auf Biegen und Brechen und wenn man sich nicht mit Eltern oder Geschwistern versteht, dann ist das eben so, aber ich schätze mich glücklich, dass es bei uns relativ harmonisch und liebenswert zugeht. Dafür bin ich dankbar. Sehr sogar. Familie ist wichtig, pflege ich auch meinen Kindern zu sagen – und jetzt auch Katharina – weil am Ende ist es so – man hat nur sich. Freunde, Bekannte, Partner mögen kommen und gehen, aber Familie kennt man, fühlt sich verstanden, gut aufgehoben. Man muss sich nicht erklären, was mir persönlich immer sehr wichtig ist. Man kann mich einschätzen, man nimmt mich mit all meinen Macken wie ich bin und umgekehrt. Ein schöner Grund zu leben und überlebenswichtig – zumindest für mich.