Geh ich donnerstags in einen bestimmten kleineren Supermarkt in unserem Ort, komm ich mir vor, als wäre ich aus Versehen im Altenheim gelandet. Die gesamte ältere, alte und uralte Bevölkerung wird auf einmal losgelassen. Wahnsinn. Vermutlich bekommen die donnerstags ihre Rente und dann wird die Kohle verprasst.
Mich depremiert das immer ein wenig, wenn ich sie sehe. Im Sommer mehr, als im Winter, denn da bekommt man zusätzlich zu vom Leben gezeichneten Gesichtern und gebückter Haltung adrige Männerbeine in halbhohen Socken und in Shorts, Hemd fein säuberlich in die Hose gepfriemelt, Hosenbund endet haarscharf unter den Achseln, zu sehen. Man kann förmlich sehen, wie sie sich rausgeputzt haben, Haare ordentlich gescheitelt, vermutlich noch ein bisschen mehr Rasierwasser aufgetragen – die Dritten geschrubbt. Am schärfsten finde ich immer die “schicke” Kleidung und an den Füßen Turnschuhe. Blütenweiße Turnschuhe.
Manchmal, wenn ich die Gelegenheit dazu habe, schaue ich mir heimlich ein paar Leute an und frag mich, was sie in ihrem Leben gemacht haben. Und was sie jetzt noch machen, außer donnerstags einkaufen zu gehen. Und irgendwie tuts mir dann in der Seele richtig doll weh, wenn ich mir überlege, wie sie früher ausgesehen haben, als sie vielleicht in meinem Alter waren – oder noch wesentlich jünger. Ob sich ihre Träume und Hoffnung, die sie im Leben hatten, erfüllt haben? Wie werde ich mal aussehen, wie werde ich mich mal verhalten und welche Haltung werde ich mal haben, wenn ich steinalt bin? Sollte ich so alt werden.
Und weil mir das alles immer viel zu Nahe am Tod ist, finde ich den Auflauf des halben Altenheims an einem Donnerstag beängstigend. Man bekommt einen Spiegel vorgehalten, in den man gar nicht blicken will.
Ich habe mich – unschwer zu erkennen – nie wirklich damit abgefunden, dass wir alt werden und irgendwann sterben. Ehrlich gesagt, finde ich alt werden und sterben richtig doof.
Ja, man verdrängt es; geht vielleicht auch nicht anders. Und dann entdeckt man eines Tages, daß man bald dazu gehört und wendet sich mit Grausen und dann kommt der Tag an dem man sich der Realität stellen muß…
Genieße die Zeit bis dahin, Du hast noch genügend!
Das ist wie bei mir heute morgen: Treffe im Studio meinen Ex-Chef, wir freuen uns, Küsschen linksrechts, quatschen ein bisschen über alte Zeiten und gemeinsame Bekannte und dann erfahre ich, dass der GöGa meiner damaligen besten Freundin, Trauzeugin und Patin meines Buben Krebs im Endstadium hat und schon seit gut zwei Jahren ziemlich krank ist. Also in einem ziemlich langen Endstadium, wenn man so will.
Schockierend, denn im vergangenen Frühjahr habe ich mich über meine Freundin noch geärgert, weil sie sich zur Konfirmation des Großen und auch weder vorher noch nachher mit auch nur einem Piep gerührt hat.
Wir haben ziemlich verzweifelt überlegt, was wir ihr wohl getan haben, denn irgendwas muss ja gewesen sein, wenn selbst auf persönliche Einladungen – wenn schon keine Zusage – nicht mal eine Absage kommt.
Jetzt kann ich es ein bisschen verstehen, sie hat ganz andere und große Sorgen.
Ein bisschen deshalb, weil ich jetzt mal vergesse, dass sie auch in den Jahren vorher nicht wirklich aktive Beziehungspflege betrieben hat. Das sei mal hier entschuldigt.
Ich finds auch doof, damit konfrontiert zu werden, aber als Spiegel würde ich das so nicht sehen. Höchstens dann, um uns mal wieder vor Augen zu halten, dass wir unsere verdammt unsichere Zeit bis zum Schluss gefälligst anständig nutzen sollten.
Irgendwie gut eben.
Aktive Beziehungspflege ist für viele Menschen ein absolutes Fremdwort. Ich denk mir immer, ich muss meine Freundschaften genauso pflegen, wie meine Familie, sehe aber seit Jahren, dass andere Leute es völlig anders sehen.
Ja, man steht fassungslos vor so einer Nachricht, entschuldigt, versteht natürlich, warum noch nicht einmal eine Absage gekommen ist, weil man so gut erzogen ist und weil man so viel Empathie für andere hat. Aber ist es wirklich so schwer irgendwann einen Telefonhörer hochzuheben und ja oder nein zu sagen? Patenkind, nicht irgendjemand … ich weiß es nicht … ich mag es nicht, wenn Menschen sich so verhalten. Und hoffe gleichzeitig, dass ich nie in so eine Situation komme, in der ich abwägen muss, wem ich jetzt Zeit u. Kraft schenke und wem nicht.
Unsere Zeit anständig nutzen … ich werde vermutlich wie so viele Menschen vor mir das Gefühl auf meinem Sterbebett haben … da war doch noch was, was ich immer schon gerne einmal machen wollte … ich glaube, dass ist das große Thema eines jeden Lebens.
Nun, ich verstehe, daß keine Absage gekommen ist. Die wenigsten können mit einer solchen Nachricht umgehen, wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen. All das erlebt der Kranke und schweigt lieber. Denn wenn sich die anderen – aus Angst, Verlegenheit oder was auch immer – zurückziehen, schmerzt es ihn noch mehr. Da schweigt er lieber, zieht sich (kurzfristig) den Unmut der anderen zu und sagt sich, daß sie später verstehen werden.
Ja, das stimmt sicherlich. Es stellt sich dann immer die Frage, welchen Stellenwert haben bestimmte Menschen in meinem Leben und natürlich ist es eine Ausnahmesituation, wenn jemand so schwer erkrankt. Ich frage mich allerdings immer, was die schweigenden Beweggründe Menschen – Freunde – sind – wenn grad niemand tödlich erkrankt ist.