Es gibt ja Lila und Lila oder auch Lila. Bei diesen Farbnuancen scheint für jeden was dabei zu sein, nur nicht für mich. Mancher Farbton erinnert mich an meinen Pelikan Tuschkasten aus der Grundschule. Mind you, ich bin knapp über Vierzig. Sieht so aus, als würde man oder auch nur ich ab Vierzig öfter mal in der Vergangenheit krösen. Ich will das gar nicht. Es kommt automatisch. Dann fühle ich mich alt, obwohl ich erst 28 Jahre alt bin.
Lila hin oder her, alles ist heute grau. Nebeligtrübgrau. Die Wildgänse ziehen übers Haus – sind bestimmt auch grau. Bei diesem Wetter kann man anziehen was man will, noch so farbenfroh, es wirkt dennoch grau. Hab sowieso nix farblich Schönes mitgebracht, da ich keine Winterkleidung besitze, die dem deutschen HerbstWinter genügen würde – Schuhe und ein Rock ausgenommen.
Ich befinde mich in einem erzkatholischem Dorf in dem ich gestern mit dem neuen Kleinwagen meiner Schwester herumgedüst bin. Normalerweise brauche ich Wochen, bis ich mich traue wieder hier Auto zu fahren. Diese fürchterlichen engen Straßen, kaum parkt ein Auto am Straßenrand, stockt der gesamte Verkehr, Millionen Fahrradfahrer mit eingebauter Vorfahrt, dieses ständige über die Schulter gucken beim abbiegen, Rechts vor Links in Dorfecken, in denen ich mir gar nicht sicher bin, ob ich mich jetzt auf einer Straße befinde oder auf einem Schleichweg, der ins Nirgendwo führt, tsetsetse. Bei uns sind die Fußgänger und Fahrradfahrer ja besser erzogen. Die warten geduldig bis das Auto vorbeigefahren ist. Wenn ich mal großzügig anhalte und dem Fußgänger zuwedel, er möchte sich in Bewegung setzen, werde ich nicht selten verständnislos angeglotzt. Ich habe mir sagen lassen, dass in Südafrika das Leben eines Fußgängers nix wert ist. In Ägypten auch nicht. Da sind wir in Ozland ja geradezu human.
Jetzt im November rennt sich die Dorfbevölkerung Blutblasen zum Friedhof, Grabpflege wird mit einer Hingabe betrieben. Drängt sich mir die Frage auf, ob die Dorfbewohner zu Lebzeiten der Angehörigen auch so penibel und pflichtbewusst miteinander umgegangen sind. Wenn ich mir die enormen Grabsteine, die Bepflanzungen, die Grabplatten, die Grabgestecke – pünktlich zum Totenkultnovember – ansehe, dann schätze ich könnte man mit der Gesamtsumme dreißig Dörfer in Afrika ein Jahr lang ernähren und es würd noch was übrig bleiben für meine Schönheits-OP. Ich hätt ja direkt Lust einen grinsenden Kürbis aufs Grab zu stellen, statt diese grässlichen roten Lichter. Leuchtet heute Abend bestimmt wie im Rotlichtmillieu aufm Friedhof. Unheimlich bekloppt finde ich diese Sitte. Aber gut, was gehe ich auf einen katholischen Friedhof auf den überhaupt keine Angehörigen von mir begraben liegen.