Nicht gesucht und doch gefunden

Wenn man Kinder hat ist man ja im Laufe der Jahre vor nichts mehr so richtig fies – Ausnahmen gibt es natürlich immer – bei mir sind es Wunden. Blutige Wunden. Meine eigenen eingeschlossen, wobei mir meine frisch verheilte Wunde gedanklich keine Probleme bereitet, nur die Tatsache, dass dort, wo gar nicht geschnitten worden ist, die Haut grünlichgelb und sehr empfindlich war. Was mir als Amateuroperationsopfer zu denken gegeben hat und ich so dumm war meine Verwunderung darüber zum Ausdruck zu bringen.

Mein Besuch klärt mich auf: “Das kommt von den Klammern, mit denen die Wunde auseinandergehalten wird.” Ich stecke mir beide Zeigefinger in die Ohren und singe lalalalalala und kneife die Augen fest zusammen. Dann öffne ich sie wieder und sehe, dass sich der Mund meines Besuchs immer noch bewegt. “Hör sofort auf zu reden! Ich will das nicht hören! Igitt.” “Ja was glaubst du denn, wie die sonst operieren können?” “Keine Ahnung. Hab ich noch nie drüber nachgedacht. Es gibt Dinge, die ich gar nicht wissen will.”

Selbstverständlich sehe ich mich im Geiste im Engelshemdchen mit eigener Unterwäsche drunter und ohne Duschhaube auf der Birne mit klaffender Armwunde im OP liegen und höre den Arzt und die OP-Pfleger über Cricket reden. Ich flüchte von der Veranda ins Haus, lenke mich krampfhaft ab und schimpfe mit dem Hund. Und John. Wenn man sucht, findet man immer was zu meckern. John wird sich gedacht haben: Hormone, schlecht sitzende Frisur oder einfach nur Weiber. Der Hund versteckt sich und ich greife mir das Buch aus der Bücherei und fange an die ersten Seiten zu lesen.  Spannend zunächst, dann doch eher aggressiv männlich geschrieben.

Ich blättere eine Seite um und sehe die  Hinterlassenschaft eines Vorausleihers rechts unten auf der Seite. Und jetzt ist mir richtig fies.

Veröffentlicht unter Leben