Nie ist sein Zimmer so aufgeräumt und sauber, wie vor Examen oder Abgabeterminen von umfangreichen Essays. Ich habe das nie in Zusammenhang gebracht. Tatsächlich glaubte ich endlich hätte meine Vorbildfunktion Früchte getragen. Tja, irren ist menschlich. Neulich war auch ein Artikel im Uni-Spiegel darüber zu lesen und Marco bestätigte alles, was dort geschrieben stand.
Meine eigene Verzögerungstaktik ist ja auch nicht ohne. Internet gucken bis zum Abwinken und wenn es noch so blöde Artikel sind. Anstatt mich morgens gleich in Sportkleidung zu kleiden erstmal unangezogen (aber nicht nackig) auf dem Sofa hocken und Internet gucken. Und Kaffee trinken. Dann noch mal ne Zigarette rauchen, noch ein bisschen Kaffee trinken. Noch mehr Internet gucken. Zwischendurch darüber nachdenken, wann man einkaufen gehen soll – muss hier immer gut getimed werden – dienstags Rententag, mittwochs oder donnerstags werden alle anderen bezahlt, früh morgens gehen oder doch erst kurz vor dem Mittag? Kurz bevor Schule aus ist oder erst um 19 Uhr (Parkplatzgarantie im undercover parking) – Nachteil: kein frisches Brot mehr.
Ach jetzt ist es schon 10 Uhr, da will ich jetzt auch nicht mehr trainieren, also doch duschen. Ich kann ja heute Nachmittag gehen. Oder morgen. Unentschlossen vor dem Spiegel stehen und Alterungsprozess begutachten. Pinzette kommt zum Dauereinsatz. Wo überall was an Haare wächst – unglaublich. Gesicht aus allen möglichen Blickwinkeln betrachten, den Vergrößerungsspiegel doch schnell umdrehen. Licht aus! Licht an. Zupfen. Mich grämen. Mit beiden Händen die Haut an den Oberschenkeln straff zurückziehen. Sieht ganz gut aus. Beinahe perfekt. Ach könnt man die Haut doch festtakkern – könnt ich mir das Studio sparen. Hab eh noch Muskelkater vom letzten Training. Mit beiden Händen die Haut an den Oberschenkeln straff zurückziehen und gleichzeitig ein Bein dabei anheben. Straff. Perfekt! Nur die Haltung ist etwas dämlich. Ich tu jetzt so, als würd ich mich nicht mehr grämen und betrachte meinen leicht birnigen Körper. Betrachte mich von hinten – stöhne innerlich: OMG.
Was anziehen? Welchen Ring tragen? Echten Schmuck oder Modeschmuck? Den dicken Brummer, den ich gestern gekauft habe?

Gleichzeitig drüber nachdenken, warum ich die letzten Tage nur einen einzigen pisseligen Absatz Skript geschrieben habe. Den aufkeimenden Gedanken – ich hab keine Lust mehr aufs Schreiben – verdrängen, mich trösten – heute abend, morgen, übermorgen, nächste Woche, ganz bestimmt bevor ich in den Urlaub fahre.
Erstmal Blog schreiben, ist einfacher. Aus dem Fenster starren und seit Tagen nur Regenwolken sehen. Wer soll denn dabei kreativ sein können? Genau. Wenn die Sonne wieder scheint, dann kommen auch wieder die Ideen und die Lust zum Endspurt. Zum 180sten Mal Flug- und Zugverbindungen gucken – nichts passt so richtig. Preise sind nicht wundersamer Weise über Nacht gesunken. Auch nicht für die Transsibirische Bahn. Ich will diesen Trip so badly und kann mir gar nicht erklären warum überhaupt. Kann ihn mir aber noch nicht leisten. Boohoo.
Demnächst werd ich noch namentlich begrüßt, wenn ich schon wieder Emirates und Seat61 Webseite gucke. Sehr geehrte MadamOz, unser System hat Sie als Vielträumerin und fleißigste Webseitenbesucherin identifiziert. Zum Dank möchten wir ihnen ein Angebot machen, das gilt aber nur gestern.
Ich habe ja wirklich manchmal das Gefühl ich bin ständig zu spät. Nicht im Sinne von unpünktlich, sondern mit Ideen, die ich nicht umsetze. Vermutlich oft aus Trägheit. Und dann lese ich über meine Ideen, die andere Leute verwirklicht haben. Das ist bitter. Ich glaub ich schreib noch ein paar Sätze Skript. Aber erst noch einen Kaffee trinken und Kühlschrank und Pantry durchforsten. Verzögerungstaktiken machen hungrig. Ach – ich geh jetzt doch erst ne Zigarette rauchen.