Einundfünfzig Jahre alt ist mein Schwager nur geworden. Das ist fuck all an Lebensjahren, fuck all. Die gesamte Krankheit über war es schwer für ihn, für meine Schwester, die Kinder – für uns restliche Angehörige. Die letzten Monate war es besonders schwer, kurz nach unserer Abreise im Oktober ging es ihm schlechter und schlechter. Gestern Abend ist er gestorben.
Wenngleich man sich Erlösung für ihn gewünscht hat, die Nachricht vom Tod war dennoch ein Schock. Niemand, nichts bereitet dich vor. Ich habe es gehasst im Oktober Abschied zu nehmen, ich hab das so gehasst. Sich täglich zusammen zu nehmen, sich daran zu erinnern, dass man sein Leben leben muss – das war schwer. Die Traurigkeit, die alles überschattet hat war unerträglich. Ist unerträglich. Ich weine um ihn, um meine Schwester, um die Kinder. Um uns alle, die wir in unserer Trauer hilflos sind. Man könnte meinen, ab einem gewissen Alter hat man damit Erfahrung, es wird einfacher. Nein, wird es nicht.
Die Steine, denen meine Schwester ausweichen musste, die sich auch schon mal als fette Felsbrocken an einem Abhang entpuppt haben, die Umwege, die sie gehen musste, sind unglaublich. Behörden haben es geschafft sie zu zermürben. Bravo! Ist klar, Vorschrift ist Vorschrift. Fragt man sich nur wie Menschen es schaffen zu betrügen. Über einen Brief habe ich am Freitag noch gelacht, den sie von der Gemeinde bekommen hat. Anzeige wegen illegalen Waffenbesitzes stand in riesigen roten Buchstaben, weiter hatte sie erstmal nicht gelesen. Erst eine halbe Stunde später war sie in der Lage den gesamten Brief zu lesen.
Es ging um zwei Waffen, die ihr Mann von seinem Vater geerbt hat – für die beide einen Waffenschein besaßen. Munition ist nicht im Haus, für die eine Waffe auch längst nicht mehr erhältlich, die ist antik. Nach neuem Gesetz muss man einen Waffenschrank besitzen und die Waffen darin einschließen. Das ist auch richtig so, nur mutet es in dieser Situation seltsam an. Geld für einen Waffenschrank, der mindestens 350 Euro (Auflagen erfüllen) kosten würde, ist nicht vorhanden. “Bring die Waffen doch zur Gemeinde.” “Darf ich nicht, ich habe keinen Waffenschein.” “Sollen sie sie abholen.” “Machen die nicht (vermutlich auch keinen Waffenschein). “Wirf sie auf die Auffahrt und fahr mit dem Auto drüber.” “Darf ich nicht. Kein Waffenschein.” “Kapier ich nicht.” “Man darf keine Waffen handhaben, wenn man keinen Waffenschein besitzt, damit macht man sich strafbar.” “Ach so. Scheiße. Ja und nu? “Man kann die Waffen nur von jemanden abholen lassen bzw. verschenken oder überschreiben, der auch einen Waffenschein besitzt.” Nach einigem hin- und hertelefonieren unter Freunden fand sich jemand mit einem geeigneten Waffenschein. Die Überschreibung kostet 60 Euro. Die Waffen so herzurichten, dass man sie nie wieder abfeuern könnte, kostet um die 150 Euro – pro Stück vermutlich. Wobei es einen Unterschied gibt, zwischen schussunfähig machen und schussunfähig, aber wieder rückgängig machbar gibt, was sich auch im Preis niederschlägt.
So haben die Jagdwaffen des Schwiegervaters – die früher auf einem offenem Regal an der Wohnzimmerwand hingen – sehr viel Aufregung verursacht. Eigentlich möchte der Enkel sie behalten, geht aber nicht, er ist noch nicht Volljährig. Wie in einem B-Movie. Ich musste immer wieder über diesen “darf auch keine ungeladene Waffe handhaben Quatsch” lachen, eine Farce – irgendwie. Es regt sich niemand von uns über die verschärften Waffengesetze auf. Es ist gut so, wie es ist. Nur leider war bzw. ist es eben in ihrer Situation das Letzte gewesen, was sie gebrauchen konnte. So ein unwichtiger Mist, der ausgerechnet jetzt einen Behördenmenschen auf Familie V. in der M.-Straße in T. unter die Amtsaugen gekommen ist.
Es wiehert noch ein anderer Amtsschimmel – eigentlich ist das eher ein Erbsenzähler, der ihnen das Leben noch schwerer macht – der bestimmt irgendwann in den Amtshimmel kommt, wo er ganz viele Formulare und Forderungen ausfüllen bzw. erfüllen lassen lässt und dann bekommt er seine Engelsflügel. Aber nicht, bevor er nicht sein Soll an Individuen quälen erfüllt hat.
Wieher.
Trauer.
Passt gut auf euch auf – Familie ist wichtig.
