1960 – 2012

Einundfünfzig Jahre alt ist mein Schwager nur geworden. Das ist fuck all an Lebensjahren, fuck all. Die gesamte Krankheit über war es schwer für ihn, für meine Schwester, die Kinder – für uns restliche Angehörige. Die letzten Monate war es besonders schwer, kurz nach unserer Abreise im Oktober ging es ihm schlechter und schlechter. Gestern Abend ist er gestorben.

Wenngleich man sich Erlösung für ihn gewünscht hat, die Nachricht vom Tod war dennoch ein Schock. Niemand, nichts bereitet dich vor. Ich habe es gehasst im Oktober Abschied zu nehmen, ich hab das so gehasst. Sich täglich zusammen zu nehmen, sich daran zu erinnern, dass man sein Leben leben muss – das war schwer. Die Traurigkeit, die alles überschattet hat war unerträglich. Ist unerträglich. Ich weine um ihn, um meine Schwester, um die Kinder. Um uns alle, die wir in unserer Trauer hilflos sind. Man könnte meinen, ab einem gewissen Alter hat man damit Erfahrung, es wird einfacher. Nein, wird es nicht.

Die Steine, denen meine Schwester ausweichen musste, die sich auch schon mal als fette Felsbrocken an einem Abhang entpuppt haben, die Umwege, die sie gehen musste, sind unglaublich. Behörden haben es geschafft sie zu zermürben. Bravo! Ist klar, Vorschrift ist Vorschrift. Fragt man sich nur wie Menschen es schaffen zu betrügen. Über einen Brief habe ich am Freitag noch gelacht, den sie von der Gemeinde bekommen hat. Anzeige wegen illegalen Waffenbesitzes stand in riesigen roten Buchstaben, weiter hatte sie erstmal nicht gelesen. Erst eine halbe Stunde später war sie in der Lage den gesamten Brief zu lesen.

Es ging um zwei Waffen, die ihr Mann von seinem Vater geerbt hat – für die beide einen Waffenschein besaßen. Munition ist nicht im Haus, für die eine Waffe auch längst nicht mehr erhältlich, die ist antik. Nach neuem Gesetz muss man einen Waffenschrank besitzen und die Waffen darin einschließen. Das ist auch richtig so, nur mutet es in dieser Situation seltsam an. Geld für einen Waffenschrank, der mindestens 350 Euro (Auflagen erfüllen) kosten würde, ist nicht vorhanden. “Bring die Waffen doch zur Gemeinde.” “Darf ich nicht, ich habe keinen Waffenschein.” “Sollen sie sie abholen.” “Machen die nicht (vermutlich auch keinen Waffenschein). “Wirf sie auf die Auffahrt und fahr mit dem Auto drüber.” “Darf ich nicht. Kein Waffenschein.” “Kapier ich nicht.” “Man darf keine Waffen handhaben, wenn man keinen Waffenschein besitzt, damit macht man sich strafbar.” “Ach so. Scheiße. Ja und nu? “Man kann die Waffen nur von jemanden abholen lassen bzw. verschenken oder überschreiben, der auch einen Waffenschein besitzt.” Nach einigem hin- und hertelefonieren unter Freunden fand sich jemand mit einem geeigneten Waffenschein. Die Überschreibung kostet 60 Euro. Die Waffen so herzurichten, dass man sie nie wieder abfeuern könnte, kostet um die 150 Euro – pro Stück vermutlich. Wobei es einen Unterschied gibt, zwischen schussunfähig machen und schussunfähig, aber wieder rückgängig machbar gibt, was sich auch im Preis niederschlägt.

So haben die Jagdwaffen des Schwiegervaters – die früher auf einem offenem Regal an der Wohnzimmerwand hingen – sehr viel Aufregung verursacht. Eigentlich möchte der Enkel sie behalten, geht aber nicht, er ist noch nicht Volljährig. Wie in einem B-Movie. Ich musste immer wieder über diesen “darf auch keine ungeladene Waffe handhaben Quatsch” lachen, eine Farce – irgendwie. Es regt sich niemand von uns über die verschärften Waffengesetze auf. Es ist gut so, wie es ist. Nur leider war bzw. ist es eben in ihrer Situation das Letzte gewesen, was sie gebrauchen konnte. So ein unwichtiger Mist, der ausgerechnet jetzt einen Behördenmenschen auf Familie V. in der M.-Straße in T. unter die Amtsaugen gekommen ist.

Es wiehert noch ein anderer Amtsschimmel – eigentlich ist das eher ein Erbsenzähler, der ihnen das Leben noch schwerer macht – der bestimmt irgendwann in den Amtshimmel kommt, wo er ganz viele Formulare und Forderungen ausfüllen bzw. erfüllen lassen lässt und dann bekommt er seine Engelsflügel. Aber nicht, bevor er nicht sein Soll an Individuen quälen erfüllt hat.

Wieher.

Trauer.

Passt gut auf euch auf – Familie ist wichtig.

Highschool

Gestern war Orientierungstag an Jaimes neuer Schule, die am 3. Februar anfangen wird und uns bis dahin finanziell in den Ruin getrieben haben wird. Was der Spaß kostet, es bricht mir das Herz dafür so viel Geld auszugeben – da könnte ich mir ganz viel Spaßiges vorstellen, was ich lieber mit dem Geld täte. Ein Flugticket kaufen, zum Beispiel. Oder meinem Zahnarzt in den Rachen werfen, was allerdings vom Spaßfaktor her im Minusbereich liegt. Das Leben ist ja teuer, wenn man nicht wirklich arm ist. Muss man alles selbst bezahlen und was die Extrakosten für lustige Arztbesuche und noch lustigere Behandlungen angeht, da sagt das australische Finanzamt: Komm du erstmal auf 1500 $ medizinische Kosten aus eigener Taschen, dann sehen wir ab 1501 $, ob du was von der Steuer wieder bekommst.

Was habe ich mich vor 11 Jahren gefreut, dass ich 700 $ oder waren es nur 500 $? – von der Steuer wieder bekommen habe, als ich knapp unter 4000 $ für eine Luxusbehandlung – Augenlaserkorrektur – bezahlt habe. Kann man sagen: Bist du dir zu schade für Brille gewesen oder was? Kann ich antworten: Brille und Kontaktlinsen waren einfach nach Jahren keine Option mehr in einem heißen Land mit Heuschnupfen-Augen – erst hier entwickelt und einem Baby, das einem ständig die Brille von der Nase grapschte, wenn der Schweiß das nicht für einen tat und die Abdrücke der Brille sich schon drohten zu entzünden. Beste Investition, die ich jemals für mich getätigt habe! Als Muttertier steckt man ohnehin ständig zurück, irgendwann kommt der Punkt, an dem man einfach nicht mehr will. Wo Geld für Schnick und Schnack ausgegeben wird, wird ja noch mal was übrig sein, um mein Leben und nur meines, zu erleichtern.

Aber zurück zur Highschool … es sieht so aus, als würden im kommenden Jahr Computer Tablets ausprobiert – die wir entweder leasen oder kaufen können. Letztendlich soll darauf hingearbeitet werden, dass die Kinder keine sauteuren Bücher mehr benötigen. Hallo! Ich habe 650 $ für Bücher und sämtlichen anderen Schulbedarf plus Schloss für das Schließfach bezahlt, da gebe ich mit Freude nochmal Geld für ein Tablet aus, das dem Kind während der gesamten Highschoolzeit zur Verfügung stehen wird. Er könnte auch seinen eigenen Laptop benutzen, aber dann dürfen darauf keine unter Lizenz benutzte Schulsoftware kopiert werden, was kontraproduktiv wäre.

Ich freue mich einfach darüber, dass es hier IT-mäßig doch sehr fortschrittlich ist, da kann ich dann auch mit altmodischer Schuluniform und schrecklichen und vor allem verstopften Straßen leben. Gut, die meiste Zeit über kann ich das nicht, da nervt es mich unsäglich, da will ich nur noch weg aus dieser Gegend hier, aber das ist wieder ein ganz anderes Thema.

Ran an den Speck

Siedenheiß und ich übertreibe nicht, ist mir heute morgen auf-eingefallen, dass ich 2.5 Monate habe, um abzuspecken. Sonst habe ich auch keine Lust nach neuer Kleidung zu schauen. Und mit dem, was im Schrank hängt, geh ich bestimmt nicht zur Feier meines Sohnes. ARRRG.

Ich weiß sowieso nicht, was mit mir los ist. Früher habe ich und auch hier übertreibe ich nicht, locker 100 sit-ups täglich gemacht. Und noch ein bisschen rumgeturnt. Heute? Frag nicht!

Gleich mal Mädchengewichte kaufen  – ich will keine Alte-Leute-Oberarme!!

Dieser Kurzbericht wurde Ihnen präsentiert von Madam auf Sofa und Scar Tissue von den Chili Peppers.

Sexualkundestunde

Leicht verstört kam Jaime (12, 6. Klasse Grundschule) gestern vom ersten Sexualkundeunterricht mit den Worten: “I’m scarred (gezeichnet, traumatisiert) for life.” Und so viel würde er gar nicht wissen wollen und es würde reichen, wenn er den Rest mit 40 erfahren würde. “In der Highschool gehen wir dann noch mal in die Tiefe der Thematik, sagt er ferner, “und ich frag mich, ob wir da womöglich einen Penis aus Ton gestalten (werden, müssen, sollen). Ich mach dann den größten Penis, den jemals jemand aus Ton geformt hat.”

Aus Ton vielleicht mein Kind, aber in Nordhorn kurz vorm Kloster, gibt es doch schon seit Jahrzehnten dieses Prachtexemplar aus Bentheimer Sandstein … bei längerer Betrachtung des Fotos könnte es auch ein Buckelwal sein … mmh.

Alles anders

war es dieses Mal im Dlandbesuch. Wussten wir vorher, sind genau aus diesem Grund gekommen. Schade war nur, dass wir das herrliche Spätsommerwetter nicht für Bayern oder Nordsee genutzt haben. Wir waren dermaßen im Arbeitstrott, dass wir noch nicht einmal auf die Idee gekommen waren, das Wetter könnte umschlagen, denn die letzten Arbeiten hätten auch drei Tage länger auf Vollendung warten können.

Wären wir aber doch noch nach Bayern gefahren, wären wir am Montag nicht pünktlich zur Beerdigung gekommen, was ich auch nicht schön gefunden hätte, will man doch einem sehr nahestehenden Menschen beistehen. Die Erdbestattung hat mich noch einmal in meinen Entschluss, mich einäschern zu lassen, bestätigt. Ich finde, es gibt keinen furchtbareren Anblick, als einen Sarg in ein Erdloch verschwinden zu sehen.

Das Drama um den Verstorbenen, der vor ca. zwei Monaten aus seinem Ägyptenheimaturlaub schwer krank ausgeflogen werden musste, die schwere Krebserkrankung meines Schwagers … es ist sehr viel, was auf unsere kleine Familie eingestürzt ist und trotzdem haben wir hin und wieder auch lachen können. Abschied nehme ich nicht gerne (wer schon?), wenngleich ich merke, wie ich emotional eine Erschöpfungsgrenze erreicht habe und es ist gut so, dass wir am Freitag nach Hause fliegen.

Und selbstverständlich jammere ich dann hin und wieder – wie ich das schon seit Jahren tue – dass mir doch meine Familie fehlt. Ein wenig ist das so wie das Gras, das woanders immer grüner ist. Warum vermisst man immer gerade das, was man nicht hat, statt das zu genießen, was man hat? War auch ein wenig Thema in meinen letzten beiden Texten, die da heißen Abgestaubt und Voice Over. Sie dümpeln noch bei irgendwelchen Jurys und große Hoffnung mache ich mir nicht. War aber schön mal wieder Texte fertig zu stellen, auch wenn das schon Wochen her ist.

Jetzt heißt es für mich all die Lebensmittel, die ich zwar nicht wirklich in mich hinein gestopft, aber doch in schöner Regelmäßigkeit konsumiert habe, auf meinen Hüften nach Melbourne zu transportieren. Dabei – wer würde es mir verüblen – würde ich das Gepäck lieber zurück lassen. Meinen schönen Villeroy & Boch Weihnachtsteller habe ich gut eingepackt, der muss unbedingt unversehrt überkommen. Die Nostalgiewelle, die mich beim Anblick dieses Tellers im Geschäft überkommen hat – gezackter Rand, ganz wie in meiner Kindheit, kann sich kaum jemand vorstellen. Dabei mache ich in Australien überhaupt keine Weihnachtsteller, werde dieses Jahr aber eine Ausnahme machen. Und jedem Besucher, der den Teller auch nur anfasst, haue ich – zack! – eins auf die Finger.

Wie ich so das Kinder-Pinguin-Papier auf dem Wohnzimmertisch meiner Mutter ablege, es liegen lasse, selbst als ich mehrere Male zwischendurch aufgestanden bin, kommt mein Mann und fragt Jaime, ob es sein Papier sei. “Nee”, sagt er, “Meins”, sage ich. “Dich über deine Kinder aufregen, die vieles liegen lassen”, sagt er und macht dieses abschätzige Zungenschnalzgeräusch. “Bevor ich ins Bett gehe, räume ich das weg”, sage ich. Im letzten Moment fällt mir aber ein, dass ich in diesem Wohnzimmer auch Kind bin und das es eigentlich genügt, wenn ich in Melbourne wieder erwachsen sein muss und wozu hat man eigentlich einen Mann?

Bis die Tage.

Feuerabend

Wie es sich begab, dass mein Mann ein Zimmer im Hause meiner Verwandtschaft renovierte, hörte er Radio. An dieser Stelle ist es durchaus angebracht anzumerken, dass das Radioprogramm zum Gähnen ist. Was die für olle Kamellen spielen – man ist wenig begeistert. Jedenfalls fragte er mich, nachdem er stundenlang Radio gehört hatte, WTF is Feuerabend. Abend kannte er, Feier aber nicht und so hat das englischsprachige Hirn selbstverständlich Fire daraus gemacht. Was ich persönlich sehr amüsant fand und irgendwie auch längst verschüttete Erinnerungen wachgerufen hat. Wie oft und wie viele Monate ist mir das umgekehrt als frische Auswanderin so gegangen.

Am Wochenende bin ich in den Genuss gekommen auf einem alten signalroten Trecker – Mathilde heißt sie – mitzufahren. Ich fand es ja doch ein wenig unheimlich so frei auf einem Gefährt zu sitzen und weil es auf dem Hof noch eine Unebenheit gab und man doch etwas zackig auf Straßen abbiegt, ist mir der zuvor gestopfte Kuchen und auch der Kaffee beinahe wieder hochgekommen. Unappetitlich – ich weiß – aber ich teile mich nun mal gerne mit. Bei der Gelegenheit kann ich auch erwähnen, wie viel mehr und fettiger man doch im Urlaub isst. Nach dem Mittagessen im Restaurant brauchte ich zum Beispiel für den Rest des Tages keine Nahrung mehr aufzunehmen. Tortellinikäsesoßenspeckfalten will ich nicht mehr sehen. Mentale Notiz: Dringend Zuhause abspecken oder nie wieder von hinten betrachten!!!

Die Tage habe ich einen gaaaanz langweiligen Film, dessen Titel ich jetzt vergessen habe, gesehen. Spannung kam etwas durch die Dialoge auf, wobei man wirklich keinen Satz verpassen durfte. Es gab im gesamten Film nicht eine einzige Person, die sich schnell(er) bewegt hätte, als eine Seidenraupe, was ich als unglaublich anstrengend empfunden habe. Fritz Wepper hatte mitgespielt, den ich irgendwie ganz gerne mal sehe, seitdem er sein Derrick-Abo gekündigt hat.

Ganz früh bin ich heute zum Hautarzt gefahren und trage jetzt ein Pflaster über dem Augenlid. Eigentlich verbietet mir meine Eitelkeit Pflaster im Gesicht zu tragen, aber da muss ich mal durch. Ich hatte mir überlegt, ob ich mir nicht ein buntes Kinderpflaster besorge, hellbraun sieht arg langweilig aus. Die gute Nachricht ist, ich habe für den Eingriff nur 28 Euro bezahlt – ist das ein Angebot oder was? Ich könnte ständig Geld ausgeben. Mache ich auch. Kaum ist ein Fuffziger angebrochen, isser schon weg. Im Grunde genauso wie Zuhause.

An dieser Stelle möchte ich noch eine Leseempfehlung abgeben: Jonathan Tropper Der Stadtfeind Nr. 1. Es geht um einen Erstautor, der seit 17 Jahren nicht mehr in seiner Heimatstadt war und dessen Bewohner er gnadenlos durch den Kakao gezogen hat. Das Buch ist ein Bestseller geworden und er ist reich geworden. Jetzt hat sein Vater einen schweren Schlaganfall erlitten und er muss in die Heimatstadt, wo er nicht gerade freundlich empfangen wird. Ich bin noch lange nicht durch mit dem Buch, aber der wunderbare Schreibstil ist ein Genuss zu lesen, ebenso sein Humor und seine Menschenkenntnis. Tragisch, komisch, nachdenklich: Lesen!