Broken Hill Australia – No artificial additives (keine künstlichen Zusatzstoffe)- heißt es in einer der schönen Broschüren und leicht verschämt rechts unten das Logo der australischen Regierung mit dem Zusatz: An Australian Government Initiative. Dass Broken Hill immer wieder als Künstlerhochburg erwähnt wird (neben der Minenfunktion) rechtfertigt die Canvas (Leinwand) Erwähnung, in der Tat finde ich das sehr clever.
Irgendwo soll ich später auch im Nirgendwo ein anderes Schild sehen: Die größte Leinwand mmmh war es der Welt oder war es doch nur Australien – was für manche sicher gleichbedeutend ist … es ist nicht ganz so wichtig. Nichts ist so wichtig, wenn du da draußen bist, wie es Zuhause wichtig wäre. Als würde die Zeit still stehen und wenn sie das nicht tut, dann vergeht sie langsamer, als gewohnt. Es kann einem durchaus der Gedanke kommen, sie ginge rückwärts, aber das ist ein Irrtum.
Die ausgedruckte Google Map und mein Mann auf der Rückbank lotsen mich am Rande von Broken Hill durch leere, weite Straßen, es geht eine steile Anhöhe hinauf, kurz danach sind wir an unserem Motel, das eine ehemalige Familienresidenz, später eine Arztpraxis war. Irgendwann Mitte 18 Hundert noch wat erbaut und der Anblick stimmt mich – wenn nicht direkt fröhlich – so doch gnädig. Ich liebe alte Häuser. Ich liebe Giebel und Verzierungen und die Geschichte von Häusern. Leider ist unser Familienzimmer im Haus und hat keinen direkten Zugang zur Veranda. Was mich deswegen etwas stört, weil man sich nur auf ein Zimmer beschränkt fühlt – was man ja auch ist – ohne mal eben draußen einen Kaffee am frühen Morgen in Schlafanzughose zu trinken oder am Abend noch die laue Luft genießen kann – jedenfalls nicht halb ausgezogen. Der Holzfußboden sieht original aus, aber sicher bei der Renovierung poliert. Im Gang liegt ein bunter Läufer – ein Perser wird’s nicht gerade sein – an der Decke hängen zwei überhaupt nicht kitschige Kristalllüster. Das Türschloss ist sehr hoch angebracht, die Türklinke auch – typisch alt, wobei ich mich immer frage, warum sie so hoch angebracht worden sind, wenn die Menschen doch im Schnitt viel kleiner waren, als heute. Das Zimmer ist liebevoll eingerichtet – einer Lodge eher angemessen, als einem Motel, unser Bett ist groß und hoch – man muss beinahe hinauf kriechen. Zwei Einzelbetten – auf eines laden wir unser gesamtes Gepäck ab. Der Deckenventilator ist auf alt getrimmt – Lampen hat er auch – nur die Sparglühlampen darin stören das yesterday Gefühl. Die stuckverzierte hohe Decke reißt mich von den Sparlampen los – mintgrün ist sie – der ehemalige Kamin als Einbauschränkchen umfunktioniert – aaah da steckt das Bügeleisen – nicht das ich den Drang verspüre zu bügeln. Die Küchenzeile mit Mikrowelle, sogar ein coffee plunger, da kann ich meinen albernen Filter gleich im Koffer lassen. Ich kann zur Not ein warmes Frühstück einnehmen, ich kann zur Not auf Frühstück verzichten. Was ich nicht kann, ist Instantkaffee trinken, der mit Tee- und Zuckerbeutel in Motels samt Wasserkocher umsonst angeboten wird. Den letzten Instantkaffee habe ich auf einem rural trip vor sieben Jahren an einer schäbigen Bude getrunken – als Cappuccino verkleidet. Einfach aufgeschäumte Milch drauf – schon wird Stroh zu Gold. Den Geschmack habe ich heute noch auf der Zunge.
Ich komme später mit der Lodgelady ins Gespräch – auf der Veranda – ich kann ihr Alter nicht schätzen. Sie ist entweder wirklich wesentlich älter, als ich – irgendwo im Rentenalter – oder hat gut gelebt. Die Stimme so tief, wie ihre Falten, ihr Rock so lang wie ihre Haare. Sie erzählt mir, dass sie als 8-Jährige mit ihren Eltern nach Neuseeland gezogen ist und vor sechs Jahren mit ihrem Sohn zurück nach Australien gegangen ist. Sie war stellvertretende Rektorin an einer Schule – was sie mir am zweiten Tag erzählt. Natürlich fragt auch sie mich, woher ich komme und so kommen wir ins Gespräch übers Reisen. Sie ist nach der Rückkehr an mehreren Orten ins Australien gewesen, hat festgestellt, dass sie sich niemals ein Haus in Sydney leisten kann und hat ihren erwachsenen Sohn und dessen Kind geschnappt und ist drei Wochen lang durch Europa gereist – inkl. Deutschland. Was ich viel lieber tun würde, als dieses Familienprojekt (sie haben die Lodge mit mehreren Familienmitgliedern zusammen gekauft) – ist reisen, sagt sie irgendwann. Ich auch. I-C-H A-U-C-H. Die Frau ist mir sympathisch. Und da haben wir es wieder, das typisch australische Phänomen, dass nichts so ist, wie es zu sein scheint. Menschen, die im eigenen Land herumziehen, für kurze oder längere Zeit sesshaft werden – das ist typisch für dieses Land.
Wir machen uns zu Fuß zur Hauptstraße auf, das lange autofahren rechtfertigt einen Spaziergang. Sehr weit ist es nicht, sehr heiß auch nicht. Angenehm warm. Broken Hill ist eine ehemalige booming miningtown und so lesen sich auch die Straßennamen im Ortskern … Chlor, Schwefel, Kobalt, Wolfram, Silber, Kristall … unterwegs sehe ich mindestens zwei historische Pubgebäude – hier grundsätzlich Hotel genannt (don’t ask) – die geschlossen wirken. So gar nicht einladend, kein Schild vor der Tür, alle Fenster geschlossen – vielleicht sind sie wirklich mittags geschlossen – vielleicht einfach dicht oder als Hotel – das, was wir darunter verstehen, umfunktioniert, so wie der (das?) alte Pub gegenüber unseres Domizils. Für uns gestaltet sich Essen gehen immer etwas schwierig, besonders, wenn es sich um einen schnellen Lunch handelt – mein Mann muss glutenfrei leben, das Kind mag nur zwei Lebensmittel und Madam möchte weder Pommes ohne wat, noch ein überteuerten Cafelunch. Ein richtiges Restaurant muss also her und wir finden uns an der Ecke einer Kreuzung wieder. Die großen Pferde wiehern ungeduldig an der roten Ampel, eins stößt eine stinkige schwarze Wolke aus. Aber irgendwie reiten fahren alle gemütlich. Die Bürgersteige sind doppelt so hoch wie normal – in früheren Zeiten war die Hauptstraße bei längeren Regenfällen gerne mal überflutet. Was sie natürlich immer noch sein wird, nur kann man wenigstens trockenen Fußes auf dem Bürgersteig flanieren. Schwer vorzustellen in dieser rual community, das es auch mal regnet. Auch typisch für Australien sind die mangelnden Abflüsse – das viele Regenwasser kann nicht abfließen und staut sich in den Straßen – Melbourne kann ein Lied davon singen.
Es dauert eine halbe Stunde, bis wir unser Essen bekommen – okay drinnen sitzen ein paar Gäste – draußen weniger, eine halbe Stunde kommt mir eher länger hier in der Ödnis vor oder ich habe erst nach zehn Minuten warten auf die Turmuhr am Ende der Hauptstraße gesehen. Ich habe mir Spinat-Ricotta-Canelloni bestellt, Pommes können sie eigentlich behalten, aber hier geht nix ohne Kartoffelgold. Das Gericht kommt auf einem rechteckigen geschwungenem Teller mit Salatbeilage – es sieht appetitlich aus, es schmeckt ausgezeichnet – nur ist es schwierig das Essen beim essen nicht vom Teller zu schaufeln. So esse ich geziert, auch wenn mein Magen mir etwas anderes vorschreibt. Lächeln darf ich jetzt nicht – der Spinat! Jaime isst nur die Pommes, nicht das Hühnerschnitzel und obwohl ich satt bin, kann ich es nicht ausstehen so viel Essen zu verschwenden – schließlich steht unser Hund als Resteverwerter nicht zur Verfügung. Ich säbel quer über dem Tisch am Schnitzel herum, quetsche rein, was geht und muss mehr als die Hälfte zurücklassen. Wenn man, so wie wir, spontan auf Reisen geht, muss man essen, was man kriegen kann, was wiederum idealer Weise fünf Tage den Magen füllt – bei den Preisen. Oder es liegt mit daran, dass wir für drei Personen bezahlen müssen – so oder so – es ist nicht billig.
Wir laden unseren Sohn in der Lodge ab – freies Wi-Fi – und fahren durch die Straßen. Zufällig kommen wir an der Pro Hart Galerie (Fotogalerie von neulich) vorbei. Ich gehe nicht hinein, kann mir Pro Hart Preise eh nicht leisten und schieße aus dem Autofenster heraus das Foto. Im vorbeifahren sehe ich drei Luxusautos, zwei davon Rolls Royce, einer bunt bemalt – ein Pro Hart Markenzeichen – in der Galerieeinfahrt. Wir fahren ein Stück ins Outback, sehen Emus, Kängurus, Pferde – die zwar keine Wildpferde sind – aber in der uneingezäunten Prärie grasen. Das Schild mit der Trophäenunterhose – links vom Trek und rechts vom ausgetrocknetem Flussbett kommt ins Blickfeld – ich habe Lust in dieser wunderschönen Landschaft, in dieser Wärme und Einöde im Auto zu tun, was unsere Vorbesucher scheinbar unter Alkoholeinfluss getan haben. Ich weiß nicht, wie einsam der Trek wirklich ist … oder ich bin zu lange Mutter, statt Frau (was sollen wir morgen bloß essen?) oder verdammt verwöhnt und bequem. Mein Mann kann keine Gedanken lesen – vermutlich auch zu lange Vater. Die untergehende Sonne färbt Wolken und Himmel rosarot.
To be continued …

