Knappe 1900 km in fünf Tagen gefahren, statt wie ursprünglich geplant ein paar Tage ans Meer. In einem kleinen, alten Wohnwagen umsonst zu übernachten war für uns schon nicht der Kracher (umsonst schon, klein nicht), die Wettervorhersage hatte uns die Entscheidung dann zum Glück abgenommen. Regen und knappe 21 Grad und das im Sommer? Nö. Wären wir in dieser Enge zum Kindermörder geworden oder hätten uns hinterher scheiden lassen. „Broken Hill“, habe ich also gesagt. „Outback“, hinzugefügt, just in case he doesn’t know his country. “I always wanted to go there and see Silverton.” “Outback it is”, meinte mein Mann und fuhr den Hund noch am Abend eine Stunde lang zu seiner Schwester, während ich uns Motels gebucht habe. Am nächsten Morgen einige Sachen in den Koffer geworfen, Hasenfütterer organisiert und off we went.
Um die fünf Stunden Fahrt nach Mildura (Inland Victoria, Richtung NSW Grenze, Wein-, Obst- und Gemüseanbaugebiet), dort zwei Übernachtungen gebucht, weil klar war (wir waren schon mindestens 2x vorher dort), dass es dort noch einiges an Unterhaltung für Jaime geben würde. Mildura ist eine absolut geplante Stadt mit weiten Schachbrettmusterstraßen, am Murray River.
Das Motelzimmer war wie alle Motelzimmer – irgendwie grad genug, man will ja nicht auf Dauer einziehen. Keine Mikrowelle, aber der übliche Wasserkocher, bescheidene Anzahl an Tassen, freies Wi-Fi, Flachbildschirm und ein eingesprühter Teppich, der die Nase zwischendurch laufen ließ und/oder uns Niesanfälle bescherte. Das Zimmer direkt am Pool, schade nur, dass der nicht geheizt war. Absolutes Highlight waren natürlich die Sanddünen in Wenthworth – dieses Örtchen liegt gleich hinter der Grenze zu New South Wales und sieht noch genau so aus, wie vor sieben Jahren. Wie man in der Fotogalerie sehen kann, ist der Knastbesuch dort unglaublich deprimierend gewesen, wenngleich ich historische Gebäude liebe. Der Baum, mit den abgesägten Ästen – weil er zu dicht an der Gefängnismauer steht – sagt eigentlich alles, was man über den Aufenthalt dort wissen muss. Man kann nur ahnen, wie grausam die Menschen in der Hitze in den Zellen zusammengepfercht worden sind – auf hauchdünnen Matten auf dem Boden geschlafen haben – für irgendwelche Vergehen ausgepeitscht oder an den Stein im Innenhof unter sengender Sonne am Hals angekettet worden sind. Nix wie weg! Aber vorher noch das Mördermagazin kaufen, das muss sein.
Weiter geht’s. Die erste Raststätte, die wir nach 1.5 Stunden ansteuern, hat ein Blechtoilettenhäuschen. Ein Blick hinein, die Toilette ist viel zu hoch angebracht – nee danke – im Stehen ging‘s grad noch, doch dafür fehlt mir etwas Entscheidenes, ich verzichte. Die Frau, die mit ihrem Mann auch dort angehalten hat, benutzt sie scheinbar – später soll ich sie wiedersehen, obwohl ich sie in ihrem Kleinwagen überhole, sie kurz darauf nicht mehr im Rückspiegel sehe. Wir fahren ohne Klimaanlage, mindestens zwei Fenster sind geöffnet, der warme Wind rauscht durchs Auto, mein Haar ist per Haarband gesichert, sonst würde mir eine Haarsträhne glatt das Auge auspeitschen. Mir geht das deutsche Zug-Gejammer (es ziiiieht, mach mal das Fenster zu völlig ab). Das Leben ist warm, das Leben ist weit und es ist vor allem unglaublich entspannend dort draußen zu sein und an nichts zu denken, als das Auto zu lenken und selbst das funktioniert auf Autopilot. Schon erstaunlich, was das Hirn alles so gleichzeitig leisten kann und Hunger meldet es auch. „Gib mal Chips!”, nur um kurz danach zu sagen: „Gib mal Wasserflasche.“ „Jetzt gib mal Lippenbalsam!“
Irgendwann kommt die einzige Outbacktankstelle in Sicht, 25 $ Maximum und das per Barzahlung, mehr Sprit wird nicht pro Auto ausgegeben. Wirklich brauchen würden wir den nicht für die letzen knappen zwei Stunden, aber Jaime besteht drauf, er hat Angst, dass wir in der Öde mit leerem Tank liegen bleiben. Was auf keinen Fall fatal wäre, nur ärgerlich. Die Strecke ist nicht überlaufen, aber es fahren regelmäßig Autos und Trucks, ich fahre ab der Tankstelle weiter, habe zuvor der Frau von der anderen Raststätte den Toilettenschlüssel gereicht, weil, was soll man sagen, wenn dir jemand sagt und gleichzeitig die Hand ausstreckt: I‘ll take that, luv und man eigentlich weiß, dass der Tankwart total angepisst ist, wenn die nix kaufen. Hängt ja ein Schild dort: Nix kaufen, nix Toilettenbenutzung. Klar steuert er direkt auf mich zu, als ich ins Auto steigen will und fragt mich nach dem gehüteten Schatz … ehm Schlüssel.
Ich genieße nicht nur die Geschwindigkeitsbegrenzung von 110 km/h frech zu überschreiten, sondern vor allem, kein Auto vor oder hinter mir zu haben. Das ist ein Gefühl von Weite. Hin und wieder taucht eine Einfahrt zu einer Farm auf, die man von der Straße aus nicht sieht, trotz niedriger Vegetation – Himmel diese Leute wohnen so einsam, sie müssen per Auto zum Briefkasten fahren. Der grundsätzlich groß genug ist, dass ein kleiner Kühlschrank drin Platz finden könnte. Später lese ich, das der Farmer durchaus eine Stunde Auto oder Motorradfahrt benötigt, um die Post einzusammeln. Was mich gleich an eine Doku erinnert hat, die ich mal im TV gesehen habe, da fuhr der Postbote täglich 500 km. What a job! Warum ich nicht schneller, als 130 fahre, liegt daran, dass Kühe, Schafe und Ziegen streckenweise nicht hinterm Zaun grasen, sondern gar kein Zaun vorhanden ist. So möchte ich nicht Gefahr laufen wegen eines Nutztieres mein Leben und das meiner Lieben zu riskieren. Außerdem – aber das bleibt jetzt unter uns – habe ich total Schiss einen Strafzettel zu bekommen, der würde ungefähr so hoch sein, wie unsere fünf Tage Motel kosten und so frage ich meinen Mann, ob er denkt, dass auch hier im Outback hinter einem höheren Busch ein Cop mit Radarpistole lauert? Früher, meint er, haben sie tatsächlich Temposünder aus der Luft heraus erwischt. Kein Wunder denke ich, dass die Strafen so enorm sind, bei den Flugbenzinpreisen! Man kann es aber auch übertreiben. Meine Güte, die Straße ist überschaubar – von hier nach Melbourne – und völlig frei, nun hört doch mal auf mit diesen blöden 110 km/h, man fühlt sich ja verarscht.
Ein Fuchs rennt wenige Meter vor meinem Wagen über die Straße und ich bin froh, dass er es geschafft hat. Die vielen toten Kängurus am Straßenrand reichen mir als Anblick und einer meiner Albträume wäre ein Tier anzufahren, was dann doch noch nicht tot ist. Mir ist das zum Glück nie passiert und sollte mir ein Känguru ans Auto springen, wäre mein Auto vermutlich hinüber. Tagsüber sieht man eher keine Roos, die kommen nur in der Morgen- oder Abenddämmerung hervor. Wir sehen Adler kreisen. Wo sieht man die heutzutage noch? Genau!
Ich fahre uns nach Broken Hill rein und sehe kleine, alte Häuschen, einen riesigen Schutthaufen – ausgehobene Erde aus den Minen – vor mir fährt ein Auto 38 km/h, obwohl 60 erlaubt sind und ich denke und sage gleichzeitig laut: „Ach du Scheiße, wo sind wir denn hier gelandet?“ Ich bin so enttäuscht, wie schon lange nicht mehr und schaue mich nervös nach rechts und nach links um, während ich das Auto in einer Schiebgeschwindigkeit fahre. „Are they going to shoot at us?“, frage ich nervös …
to be continued …