bestimme ich – schließlich haben wir endlich eine Mikrowelle im Zimmer und ständig Essen gehen geht aufs Bankkonto. Im Supermarkt kann ich das einzige Fertiggericht, das ich lecker und würzig finde (Canelloni von Weight Watchers) nicht finden und wühle zusammen mit meinem Mann in der Kühltruhe, die vollgestopft ist mit drei verschiedenen Fertigerichten einer anderen Firma. Zwei Fertiggerichte zum Preis von 10 $, wir kaufen gleich vier. Wir freuen uns so sehr über diesen Billiglunch, dass wir das eingesparte Geld gleich für vier Schokoladenmousse ausgeben (Zweierpackung) zu knapp unter drei Dollar die Packung. Die Entscheidung hemmungslos zu prassen stellt sich als vorausschauend heraus – man glaubt gar nicht, wie ekelig eine aufgewärmte Tomatenfertiggerichtsoße schmeckt. Das Kind weigert sich strikt, ich esse mein Gericht halbwegs auf, probiere auch ein wenig von Jaimes Lasagne – woaah schmeckt die fies. Noch fieser, als mein eigenes Gericht, die Freude an dreißig gesparten Dollar schwindet.
Was uns nicht davon abhält den Geizkragensamstag mit Pommes und Hähnchen aus der Hauptstraßenbude ausklingen zu lassen. An einem Picknicktisch im Park, der warme Wind streicht dabei über meine spärlich bedeckten Schultern. Das Leben ist schön, auch wenn ich Pommes ohne Mayo oder Ketchup nicht prickelnd finde. Das Leben ist besonders schön, weil es nicht eine einzige Mücke gibt, die mich blutleer trinkt, nicht eine einzige Buschfliege, die in Nase, Augen oder Mund kriechen will.
Endlich fahren wir nach Silverton – ca. 25 km von Broken Hill entfernt. Dort wo man Mad Max II, einige andere Filme plus Werbefilme gedreht hat, dort wo man sicher sein kann, man hat den Arsch der Welt gefunden. Was ich natürlich erst bemerke, als wir in die staubige Hauptstraße einbiegen. Wir sitzen kurz etwas verloren im Auto, trauen uns kaum auszusteigen – weil wo geht man dann hin? Aber natürlich entdecke ich nicht nur das Mad Max Auto (Fotogalerie) – laut Aussage meines Mannes auf keinen Fall das Original (mir doch so was von egal), stelle mich sofort davor und fordere ein Foto ein. Das sieht dann auch dementsprechend doof aus mit meinen beiden erhobenen Daumen und dümmlichen Grinsen, dass es für immer in die Privatfotosammlung kommt und nur per Passwort aufrufbar ist. Jetzt stehen wir wieder blöd herum. Hinter uns ein Souvenirladen, da will ich nicht rein. Ich bin immer noch auf Sparmodus eingestellt. Der mich nicht davon abhält in der Künstlergalerie einen Glas-Serviettenhalter für knapp unter vierzig Dollar zu kaufen. Er ist schön, ich kann grad einen gebrauchen und das Paar, das die Galerie betreibt scheint in ihrer Kunst und vermutlich bescheidenem Leben so richtig aufzugehen. Ich weiß nicht, wie lange sie dort schon leben, die Gelegenheit zu einem Gespräch ergibt sich nicht, sie wirken beide auf mich, als hätten sie ihr Lebensziel – zumindest momentan – erreicht. In sich zu ruhen ist etwas, was mir beinahe völlig abgeht, nachdenklich verlasse ich die Galerie.
Laut Plakette neben dem Toilettenblock – und an dieser Stelle möchte ich anmerken, dass es in jedem Kleckerdorf ein sauberes öffentliches Toilettenhäuschen gibt – in ganz Australien (hallo Deutschland!), hat Silverton 57 Einwohner. Ich schaue mich um, fange gar nicht an die wenigen Häuschen zu zählen – irgendwo muss es noch eine Seitenstraße geben. Im Silverton Hotel (Pub) schauen wir uns die vielen Filmaufnahmefotos an, ich bestelle mir ein Bier – gewagt um die Mittagszeit in der Wärme. Natürlich ist es kühl dort drinnen, die Publady unterhält sich mit uns, erzählt uns davon, wie sie auf einer Schafsfarm im Outback groß geworden ist, wie langweilig das war und dass sie School of the Air und Fernlehrschule nutzen musste, um eine Schulbildung zu bekommen. Auch sie ist in Australien herumgezogen, irgendwann in Broken Hill sesshaft geworden, dort gibt es wenigstens eine Schule, auf die ihre drei Kinder gehen konnten. Ihr Mann hat über dreißig Jahre in der Mine als Sprengmeister gearbeitet, war kürzlich für einige Wochen in einer südafrikanischen Mine beschäftigt, hat jetzt aber endgültig die Industrie verlassen. Sie erzählt uns ebenso, dass Silverton 39 Einwohner hat, zwei davon demnächst wegziehen. Aha! Ich bin mir nicht sicher, ob sie noch gesagt hat, dass sie in Broken Hill lebt, muss aber plötzlich an den uralten Gag in dem Satire-Magazin Titanic denken, in dem Afrikaner, nachdem der letzte Tourist das Strohhüttendorf verlassen hat, im Bus sitzen und nach Hause fahren.
Am späten Nachmittag klettern wir einen Hügel außerhalb Broken Hill hoch, um uns den Skulpturenweg anzusehen. Ich finde einen Hinkelstein und bin begeistert. Der Wind trocknet meinen Schweiß, lässt meine Gesichtsfarbe langsam wieder auf durchschnittlich blass zurückfahren, die Investition neuer Sportschuhe hat sich auf jeden Fall gelohnt – mit Flip-Flops wäre der Weg doch sehr beschwerlich gewesen. Ärgerlich nur, dass man den Hügel auch per Auto erklimmen kann, was wir leider übersehen haben. Nicht so ärgerlich ist die sportliche Betätigung, nachdem die Herzfrequenz sich wieder normalisiert hat und überhaupt ist der Rückweg a breeze.
Am ausgetrocknetem Flussbett warten wir auf den Sonnenuntergang, Pferdehufeabdrücke sind im Sand und Quarze, die wir sammeln. Der Stein, den wir in Silvertons Hauptstraße in einer drive-by-collection für unseren Vorgarten eingesammelt haben, liegt hinter dem Beifahrersitz – mit roter Outbackerde überzogen, wie sich das für einen Stein gehört.
The End
PS Wie immer bleibt die Sehnsucht eine vernünftige Ausrüstung zu besitzen und ohne Kind loszufahren. Der Kontinent ist so groß, so leer, so voller Überraschungen. What are you waiting for? Get out there, see Strälia.
