Es wird gegessen was aus der Mikrowelle kommt

bestimme ich – schließlich haben wir endlich eine Mikrowelle im Zimmer und ständig Essen gehen geht aufs Bankkonto. Im Supermarkt kann ich das einzige Fertiggericht, das ich lecker und würzig finde (Canelloni von Weight Watchers) nicht finden und wühle zusammen mit meinem Mann in der Kühltruhe, die vollgestopft ist mit drei verschiedenen Fertigerichten einer anderen Firma. Zwei Fertiggerichte zum Preis von 10 $, wir kaufen gleich vier. Wir freuen uns so sehr über diesen Billiglunch, dass wir das eingesparte Geld gleich für vier Schokoladenmousse ausgeben (Zweierpackung) zu knapp unter drei Dollar die Packung. Die Entscheidung hemmungslos zu prassen stellt sich als vorausschauend heraus – man glaubt gar nicht, wie ekelig eine aufgewärmte Tomatenfertiggerichtsoße schmeckt. Das Kind weigert sich strikt, ich esse mein Gericht halbwegs auf, probiere auch ein wenig von Jaimes Lasagne – woaah schmeckt die fies. Noch fieser, als mein eigenes Gericht, die Freude an dreißig gesparten Dollar schwindet.

Was uns nicht davon abhält den Geizkragensamstag mit Pommes und Hähnchen aus der Hauptstraßenbude ausklingen zu lassen. An einem Picknicktisch im Park, der warme Wind streicht dabei über meine spärlich bedeckten Schultern. Das Leben ist schön, auch wenn ich Pommes ohne Mayo oder Ketchup nicht prickelnd finde. Das Leben ist besonders schön, weil es nicht eine einzige Mücke gibt, die mich blutleer trinkt, nicht eine einzige Buschfliege, die in Nase, Augen oder Mund kriechen will.

Endlich fahren wir nach Silverton – ca. 25 km von Broken Hill entfernt. Dort wo man Mad Max II, einige andere Filme plus Werbefilme gedreht hat, dort wo man sicher sein kann, man hat den Arsch der Welt gefunden. Was ich natürlich erst bemerke, als wir in die staubige Hauptstraße einbiegen. Wir sitzen kurz etwas verloren im Auto, trauen uns kaum auszusteigen – weil wo geht man dann hin? Aber natürlich entdecke ich nicht nur das Mad Max Auto (Fotogalerie) – laut Aussage meines Mannes auf keinen Fall das Original (mir doch so was von egal), stelle mich sofort davor und fordere ein Foto ein. Das sieht dann auch dementsprechend doof aus mit meinen beiden erhobenen Daumen und dümmlichen Grinsen, dass es für immer in die Privatfotosammlung kommt und nur per Passwort aufrufbar ist. Jetzt stehen wir wieder blöd herum. Hinter uns ein Souvenirladen, da will ich nicht rein. Ich bin immer noch auf Sparmodus eingestellt. Der mich nicht davon abhält in der Künstlergalerie einen Glas-Serviettenhalter für knapp unter vierzig Dollar zu kaufen. Er ist schön, ich kann grad einen gebrauchen und das Paar, das die Galerie betreibt scheint in ihrer Kunst und vermutlich bescheidenem Leben so richtig aufzugehen. Ich weiß nicht, wie lange sie dort schon leben, die Gelegenheit zu einem Gespräch ergibt sich nicht, sie wirken beide auf mich, als hätten sie ihr Lebensziel – zumindest momentan – erreicht. In sich zu ruhen ist etwas, was mir beinahe völlig abgeht, nachdenklich verlasse ich die Galerie.

Laut Plakette neben dem Toilettenblock – und an dieser Stelle möchte ich anmerken, dass es in jedem Kleckerdorf ein sauberes öffentliches Toilettenhäuschen gibt – in ganz Australien (hallo Deutschland!), hat Silverton 57 Einwohner. Ich schaue mich um, fange gar nicht an die wenigen Häuschen zu zählen – irgendwo muss es noch eine Seitenstraße geben. Im Silverton Hotel (Pub) schauen wir uns die vielen Filmaufnahmefotos an, ich bestelle mir ein Bier – gewagt um die Mittagszeit in der Wärme. Natürlich ist es kühl dort drinnen, die Publady unterhält sich mit uns, erzählt uns davon, wie sie auf einer Schafsfarm im Outback groß geworden ist, wie langweilig das war und dass sie School of the Air und Fernlehrschule nutzen musste, um eine Schulbildung zu bekommen. Auch sie ist in Australien herumgezogen, irgendwann in Broken Hill sesshaft geworden, dort gibt es wenigstens eine Schule, auf die ihre drei Kinder gehen konnten. Ihr Mann hat über dreißig Jahre in der Mine als Sprengmeister gearbeitet, war kürzlich für einige Wochen in einer südafrikanischen Mine beschäftigt, hat jetzt aber endgültig die Industrie verlassen. Sie erzählt uns ebenso, dass Silverton 39 Einwohner hat, zwei davon demnächst wegziehen. Aha! Ich bin mir nicht sicher, ob sie noch gesagt hat, dass sie in Broken Hill lebt, muss aber plötzlich an den uralten Gag in dem Satire-Magazin Titanic denken, in dem Afrikaner, nachdem der letzte Tourist das Strohhüttendorf verlassen hat, im Bus sitzen und nach Hause fahren.

Am späten Nachmittag klettern wir einen Hügel außerhalb Broken Hill hoch, um uns den Skulpturenweg anzusehen. Ich finde einen Hinkelstein und bin begeistert. Der Wind trocknet meinen Schweiß, lässt meine Gesichtsfarbe langsam wieder auf durchschnittlich blass zurückfahren, die Investition neuer Sportschuhe hat sich auf jeden Fall gelohnt – mit Flip-Flops wäre der Weg doch sehr beschwerlich gewesen. Ärgerlich nur, dass man den Hügel auch per Auto erklimmen kann, was wir leider übersehen haben. Nicht so ärgerlich ist die sportliche Betätigung, nachdem die Herzfrequenz sich wieder normalisiert hat und überhaupt ist der Rückweg a breeze.

Am ausgetrocknetem Flussbett warten wir auf den Sonnenuntergang, Pferdehufeabdrücke sind im Sand und Quarze, die wir sammeln. Der Stein, den wir in Silvertons Hauptstraße in einer drive-by-collection für unseren Vorgarten eingesammelt haben, liegt hinter dem Beifahrersitz – mit roter Outbackerde überzogen, wie sich das für einen Stein gehört.

The End

PS Wie immer bleibt die Sehnsucht eine vernünftige Ausrüstung zu besitzen und ohne Kind loszufahren. Der Kontinent ist so groß, so leer, so voller Überraschungen. What are you waiting for? Get out there, see Strälia.

Wide Canvas Country

Broken Hill Australia – No artificial additives (keine künstlichen Zusatzstoffe)- heißt es in einer der schönen Broschüren und leicht verschämt rechts unten das Logo der australischen Regierung mit dem Zusatz: An Australian Government Initiative. Dass Broken Hill immer wieder als Künstlerhochburg erwähnt wird (neben der Minenfunktion) rechtfertigt die Canvas (Leinwand) Erwähnung, in der Tat finde ich das sehr clever.
Irgendwo soll ich später auch im Nirgendwo ein anderes Schild sehen: Die größte Leinwand mmmh war es der Welt oder war es doch nur Australien – was für manche sicher gleichbedeutend ist … es ist nicht ganz so wichtig. Nichts ist so wichtig, wenn du da draußen bist, wie es Zuhause wichtig wäre. Als würde die Zeit still stehen und wenn sie das nicht tut, dann vergeht sie langsamer, als gewohnt. Es kann einem durchaus der Gedanke kommen, sie ginge rückwärts, aber das ist ein Irrtum.

Die ausgedruckte Google Map und mein Mann auf der Rückbank lotsen mich am Rande von Broken Hill durch leere, weite Straßen, es geht eine steile Anhöhe hinauf, kurz danach sind wir an unserem Motel, das eine ehemalige Familienresidenz, später eine Arztpraxis war. Irgendwann Mitte 18 Hundert noch wat erbaut und der Anblick stimmt mich – wenn nicht direkt fröhlich – so doch gnädig. Ich liebe alte Häuser. Ich liebe Giebel und Verzierungen und die Geschichte von Häusern. Leider ist unser Familienzimmer im Haus und hat keinen direkten Zugang zur Veranda. Was mich deswegen etwas stört, weil man sich nur auf ein Zimmer beschränkt fühlt – was man ja auch ist – ohne mal eben draußen einen Kaffee am frühen Morgen in Schlafanzughose zu trinken oder am Abend noch die laue Luft genießen kann – jedenfalls nicht halb ausgezogen. Der Holzfußboden sieht original aus, aber sicher bei der Renovierung poliert. Im Gang liegt ein bunter Läufer – ein Perser wird’s nicht gerade sein – an der Decke hängen zwei überhaupt nicht kitschige Kristalllüster. Das Türschloss ist sehr hoch angebracht, die Türklinke auch – typisch alt, wobei ich mich immer frage, warum sie so hoch angebracht worden sind, wenn die Menschen doch im Schnitt viel kleiner waren, als heute. Das Zimmer ist liebevoll eingerichtet – einer Lodge eher angemessen, als einem Motel, unser Bett ist groß und hoch – man muss beinahe hinauf kriechen. Zwei Einzelbetten – auf eines laden wir unser gesamtes Gepäck ab. Der Deckenventilator ist auf alt getrimmt – Lampen hat er auch – nur die Sparglühlampen darin stören das yesterday Gefühl. Die stuckverzierte hohe Decke reißt mich von den Sparlampen los – mintgrün ist sie – der ehemalige Kamin als Einbauschränkchen umfunktioniert – aaah da steckt das Bügeleisen – nicht das ich den Drang verspüre zu bügeln. Die Küchenzeile mit Mikrowelle, sogar ein coffee plunger, da kann ich meinen albernen Filter gleich im Koffer lassen. Ich kann zur Not ein warmes Frühstück einnehmen, ich kann zur Not auf Frühstück verzichten. Was ich nicht kann, ist Instantkaffee trinken, der mit Tee- und Zuckerbeutel in Motels samt Wasserkocher umsonst angeboten wird. Den letzten Instantkaffee habe ich auf einem rural trip vor sieben Jahren an einer schäbigen Bude getrunken – als Cappuccino verkleidet. Einfach aufgeschäumte Milch drauf – schon wird Stroh zu Gold. Den Geschmack habe ich heute noch auf der Zunge.

Ich komme später mit der Lodgelady ins Gespräch – auf der Veranda – ich kann ihr Alter nicht schätzen. Sie ist entweder wirklich wesentlich älter, als ich – irgendwo im Rentenalter – oder hat gut gelebt. Die Stimme so tief, wie ihre Falten, ihr Rock so lang wie ihre Haare. Sie erzählt mir, dass sie als 8-Jährige mit ihren Eltern nach Neuseeland gezogen ist und vor sechs Jahren mit ihrem Sohn zurück nach Australien gegangen ist. Sie war stellvertretende Rektorin an einer Schule – was sie mir am zweiten Tag erzählt. Natürlich fragt auch sie mich, woher ich komme und so kommen wir ins Gespräch übers Reisen. Sie ist nach der Rückkehr an mehreren Orten ins Australien gewesen, hat festgestellt, dass sie sich niemals ein Haus in Sydney leisten kann und hat ihren erwachsenen Sohn und dessen Kind geschnappt und ist drei Wochen lang durch Europa gereist – inkl. Deutschland. Was ich viel lieber tun würde, als dieses Familienprojekt (sie haben die Lodge mit mehreren Familienmitgliedern zusammen gekauft) – ist reisen, sagt sie irgendwann. Ich auch. I-C-H A-U-C-H. Die Frau ist mir sympathisch. Und da haben wir es wieder, das typisch australische Phänomen, dass nichts so ist, wie es zu sein scheint. Menschen, die im eigenen Land herumziehen, für kurze oder längere Zeit sesshaft werden – das ist typisch für dieses Land.

Wir machen uns zu Fuß zur Hauptstraße auf, das lange autofahren rechtfertigt einen Spaziergang. Sehr weit ist es nicht, sehr heiß auch nicht. Angenehm warm. Broken Hill ist eine ehemalige booming miningtown und so lesen sich auch die Straßennamen im Ortskern … Chlor, Schwefel, Kobalt, Wolfram, Silber, Kristall … unterwegs sehe ich mindestens zwei historische Pubgebäude – hier grundsätzlich Hotel genannt (don’t ask) – die geschlossen wirken. So gar nicht einladend, kein Schild vor der Tür, alle Fenster geschlossen – vielleicht sind sie wirklich mittags geschlossen – vielleicht einfach dicht oder als Hotel – das, was wir darunter verstehen, umfunktioniert, so wie der (das?) alte Pub gegenüber unseres Domizils. Für uns gestaltet sich Essen gehen immer etwas schwierig, besonders, wenn es sich um einen schnellen Lunch handelt – mein Mann muss glutenfrei leben, das Kind mag nur zwei Lebensmittel und Madam möchte weder Pommes ohne wat, noch ein überteuerten Cafelunch. Ein richtiges Restaurant muss also her und wir finden uns an der Ecke einer Kreuzung wieder. Die großen Pferde wiehern ungeduldig an der roten Ampel, eins stößt eine stinkige schwarze Wolke aus. Aber irgendwie reiten fahren alle gemütlich. Die Bürgersteige sind doppelt so hoch wie normal – in früheren Zeiten war die Hauptstraße bei längeren Regenfällen gerne mal überflutet. Was sie natürlich immer noch sein wird, nur kann man wenigstens trockenen Fußes auf dem Bürgersteig flanieren. Schwer vorzustellen in dieser rual community, das es auch mal regnet. Auch typisch für Australien sind die mangelnden Abflüsse – das viele Regenwasser kann nicht abfließen und staut sich in den Straßen – Melbourne kann ein Lied davon singen.

Es dauert eine halbe Stunde, bis wir unser Essen bekommen – okay drinnen sitzen ein paar Gäste – draußen weniger, eine halbe Stunde kommt mir eher länger hier in der Ödnis vor oder ich habe erst nach zehn Minuten warten auf die Turmuhr am Ende der Hauptstraße gesehen. Ich habe mir Spinat-Ricotta-Canelloni bestellt, Pommes können sie eigentlich behalten, aber hier geht nix ohne Kartoffelgold. Das Gericht kommt auf einem rechteckigen geschwungenem Teller mit Salatbeilage – es sieht appetitlich aus, es schmeckt ausgezeichnet – nur ist es schwierig das Essen beim essen nicht vom Teller zu schaufeln. So esse ich geziert, auch wenn mein Magen mir etwas anderes vorschreibt. Lächeln darf ich jetzt nicht – der Spinat! Jaime isst nur die Pommes, nicht das Hühnerschnitzel und obwohl ich satt bin, kann ich es nicht ausstehen so viel Essen zu verschwenden – schließlich steht unser Hund als Resteverwerter nicht zur Verfügung. Ich säbel quer über dem Tisch am Schnitzel herum, quetsche rein, was geht und muss mehr als die Hälfte zurücklassen. Wenn man, so wie wir, spontan auf Reisen geht, muss man essen, was man kriegen kann, was wiederum idealer Weise fünf Tage den Magen füllt – bei den Preisen. Oder es liegt mit daran, dass wir für drei Personen bezahlen müssen – so oder so – es ist nicht billig.

Wir laden unseren Sohn in der Lodge ab – freies Wi-Fi – und fahren durch die Straßen. Zufällig kommen wir an der Pro Hart Galerie (Fotogalerie von neulich) vorbei. Ich gehe nicht hinein, kann mir Pro Hart Preise eh nicht leisten und schieße aus dem Autofenster heraus das Foto. Im vorbeifahren sehe ich drei Luxusautos, zwei davon Rolls Royce, einer bunt bemalt – ein Pro Hart Markenzeichen  – in der Galerieeinfahrt. Wir fahren ein Stück ins Outback, sehen Emus, Kängurus, Pferde – die zwar keine Wildpferde sind – aber in der uneingezäunten Prärie grasen. Das Schild mit der Trophäenunterhose – links vom Trek und rechts vom ausgetrocknetem Flussbett kommt ins Blickfeld – ich habe Lust in dieser wunderschönen Landschaft, in dieser Wärme und Einöde im Auto zu tun, was unsere Vorbesucher scheinbar unter Alkoholeinfluss getan haben. Ich weiß nicht, wie einsam der Trek wirklich ist … oder ich bin zu lange Mutter, statt Frau (was sollen wir morgen bloß essen?) oder verdammt verwöhnt und bequem. Mein Mann kann keine Gedanken lesen – vermutlich auch zu lange Vater. Die untergehende Sonne färbt Wolken und Himmel rosarot.

To be continued …

Weite Stille, stille Weite

Knappe 1900 km in fünf Tagen gefahren, statt wie ursprünglich geplant ein paar Tage ans Meer. In einem kleinen, alten Wohnwagen umsonst zu übernachten war für uns schon nicht der Kracher (umsonst schon, klein nicht), die Wettervorhersage hatte uns die Entscheidung dann zum Glück abgenommen. Regen und knappe 21 Grad und das im Sommer? Nö. Wären wir in dieser Enge zum Kindermörder geworden oder hätten uns hinterher scheiden lassen. „Broken Hill“, habe ich also gesagt. „Outback“, hinzugefügt, just in case he doesn’t know his country. “I always wanted to go there and see Silverton.” “Outback it is”, meinte mein Mann und fuhr den Hund noch am Abend eine Stunde lang zu seiner Schwester, während ich uns Motels gebucht habe. Am nächsten Morgen einige Sachen in den Koffer geworfen, Hasenfütterer organisiert und off we went.

Um die fünf Stunden Fahrt nach Mildura (Inland Victoria, Richtung NSW Grenze, Wein-, Obst- und Gemüseanbaugebiet), dort zwei Übernachtungen gebucht, weil klar war (wir waren schon mindestens 2x vorher dort), dass es dort noch einiges an Unterhaltung für Jaime geben würde. Mildura ist eine absolut geplante Stadt mit weiten Schachbrettmusterstraßen, am Murray River.

Das Motelzimmer war wie alle Motelzimmer – irgendwie grad genug, man will ja nicht auf Dauer einziehen. Keine Mikrowelle, aber der übliche Wasserkocher, bescheidene Anzahl an Tassen, freies Wi-Fi, Flachbildschirm und ein eingesprühter Teppich, der die Nase zwischendurch laufen ließ und/oder uns Niesanfälle bescherte. Das Zimmer direkt am Pool, schade nur, dass der nicht geheizt war. Absolutes Highlight waren natürlich die Sanddünen in Wenthworth – dieses Örtchen liegt gleich hinter der Grenze zu New South Wales und sieht noch genau so aus, wie vor sieben Jahren. Wie man in der Fotogalerie sehen kann, ist der Knastbesuch dort unglaublich deprimierend gewesen, wenngleich ich historische Gebäude liebe. Der Baum, mit den abgesägten Ästen – weil er zu dicht an der Gefängnismauer steht – sagt eigentlich alles, was man über den Aufenthalt dort wissen muss. Man kann nur ahnen, wie grausam die Menschen in der Hitze in den Zellen zusammengepfercht worden sind – auf hauchdünnen Matten auf dem Boden geschlafen haben – für irgendwelche Vergehen ausgepeitscht oder an den Stein im Innenhof unter sengender Sonne am Hals angekettet worden sind. Nix wie weg! Aber vorher noch das Mördermagazin kaufen, das muss sein.

Weiter geht’s. Die erste Raststätte, die wir nach 1.5 Stunden ansteuern, hat ein Blechtoilettenhäuschen. Ein Blick hinein, die Toilette ist viel zu hoch angebracht – nee danke – im Stehen ging‘s grad noch, doch dafür fehlt mir etwas Entscheidenes, ich verzichte. Die Frau, die mit ihrem Mann auch dort angehalten hat, benutzt sie scheinbar – später soll ich sie wiedersehen, obwohl ich sie in ihrem Kleinwagen überhole, sie kurz darauf nicht mehr im Rückspiegel sehe. Wir fahren ohne Klimaanlage, mindestens zwei Fenster sind geöffnet, der warme Wind rauscht durchs Auto, mein Haar ist per Haarband gesichert, sonst würde mir eine Haarsträhne glatt das Auge auspeitschen. Mir geht das deutsche Zug-Gejammer (es ziiiieht, mach mal das Fenster zu völlig ab). Das Leben ist warm, das Leben ist weit und es ist vor allem unglaublich entspannend dort draußen zu sein und an nichts zu denken, als das Auto zu lenken und selbst das funktioniert auf Autopilot. Schon erstaunlich, was das Hirn alles so gleichzeitig leisten kann und Hunger meldet es auch. „Gib mal Chips!”, nur um kurz danach zu sagen: „Gib mal Wasserflasche.“ „Jetzt gib mal Lippenbalsam!“

Irgendwann kommt die einzige Outbacktankstelle in Sicht, 25 $ Maximum und das per Barzahlung, mehr Sprit wird nicht pro Auto ausgegeben. Wirklich brauchen würden wir den nicht für die letzen knappen zwei Stunden, aber Jaime besteht drauf, er hat Angst, dass wir in der Öde mit leerem Tank liegen bleiben. Was auf keinen Fall fatal wäre, nur ärgerlich. Die Strecke ist nicht überlaufen, aber es fahren regelmäßig Autos und Trucks, ich fahre ab der Tankstelle weiter, habe zuvor der Frau von der anderen Raststätte den Toilettenschlüssel gereicht, weil, was soll man sagen, wenn dir jemand sagt und gleichzeitig die Hand ausstreckt: I‘ll take that, luv und man eigentlich weiß, dass der Tankwart total angepisst ist, wenn die nix kaufen. Hängt ja ein Schild dort: Nix kaufen, nix Toilettenbenutzung. Klar steuert er direkt auf mich zu, als ich ins Auto steigen will und fragt mich nach dem gehüteten Schatz … ehm Schlüssel.

Ich genieße nicht nur die Geschwindigkeitsbegrenzung von 110 km/h frech zu überschreiten, sondern vor allem, kein Auto vor oder hinter mir zu haben. Das ist ein Gefühl von Weite. Hin und wieder taucht eine Einfahrt zu einer Farm auf, die man von der Straße aus nicht sieht, trotz niedriger Vegetation – Himmel diese Leute wohnen so einsam, sie müssen per Auto zum Briefkasten fahren. Der grundsätzlich groß genug ist, dass ein kleiner Kühlschrank drin Platz finden könnte. Später lese ich, das der Farmer durchaus eine Stunde Auto oder Motorradfahrt benötigt, um die Post einzusammeln. Was mich gleich an eine Doku erinnert hat, die ich mal im TV gesehen habe, da fuhr der Postbote täglich 500 km. What a job! Warum ich nicht schneller, als 130 fahre, liegt daran, dass Kühe, Schafe und Ziegen streckenweise nicht hinterm Zaun grasen, sondern gar kein Zaun vorhanden ist. So möchte ich nicht Gefahr laufen wegen eines Nutztieres mein Leben und das meiner Lieben zu riskieren. Außerdem – aber das bleibt jetzt unter uns – habe ich total Schiss einen Strafzettel zu bekommen, der würde ungefähr so hoch sein, wie unsere fünf Tage Motel kosten und so frage ich meinen Mann, ob er denkt, dass auch hier im Outback hinter einem höheren Busch ein Cop mit Radarpistole lauert? Früher, meint er, haben sie tatsächlich Temposünder aus der Luft heraus erwischt. Kein Wunder denke ich, dass die Strafen so enorm sind, bei den Flugbenzinpreisen! Man kann es aber auch übertreiben. Meine Güte, die Straße ist überschaubar – von hier nach Melbourne – und völlig frei, nun hört doch mal auf mit diesen blöden 110 km/h, man fühlt sich ja verarscht.

Ein Fuchs rennt wenige Meter vor meinem Wagen über die Straße und ich bin froh, dass er es geschafft hat. Die vielen toten Kängurus am Straßenrand reichen mir als Anblick und einer meiner Albträume wäre ein Tier anzufahren, was dann doch noch nicht tot ist. Mir ist das zum Glück nie passiert und sollte mir ein Känguru ans Auto springen, wäre mein Auto vermutlich hinüber. Tagsüber sieht man eher keine Roos, die kommen nur in der Morgen- oder Abenddämmerung hervor. Wir sehen Adler kreisen. Wo sieht man die heutzutage noch? Genau!

Ich fahre uns nach Broken Hill rein und sehe kleine, alte Häuschen, einen riesigen Schutthaufen – ausgehobene Erde aus den Minen – vor mir fährt ein Auto 38 km/h, obwohl 60 erlaubt sind und ich denke und sage gleichzeitig laut: „Ach du Scheiße, wo sind wir denn hier gelandet?“ Ich bin so enttäuscht, wie schon lange nicht mehr und schaue mich nervös nach rechts und nach links um, während ich das Auto in einer Schiebgeschwindigkeit fahre. „Are they going to shoot at us?“, frage ich nervös …

to be continued …

Outback

Ich lasse die Bildergalerie ohne viel Worte stehen, Artikel folgt … enjoy.

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Kein Ort für eine Dame

No Place For A LadyTales of Adventurous Women Travellers by Barbara Hodgson – lese ich und habe noch drei andere Reisebücher auf dem Tisch liegen. Interessiert mich im Augenblick. Reisen – auch wie das früher so war.

Bis lang habe ich nur das Vorwort dieses Buches gelesen und kurz geblättert, weil ich zwei andere Reisebücher lese und auch mal in dem großformatigen Women Travellers von Mary Morrris blättere und dann ist da noch ein Krimi, den ich angefangen habe zu lesen, aber der kommt nur vor dem Schlafen gehen dran. Zwei Seiten oder so.

Anyway No Place For A Lady ist bestückt mit Illustrationen und zwei Fotos oder so  und gleich am Anfang fand ich gleich zwei Sachen, die mich innerhalb von Sekunden von anfänglichem Kichern ins hysterische Gackern katapultiert haben. Die erste Geschichte einer reisenden Frau (1814) kurz überflogen, bis mir weiter unten auf der Seite ein netter Auszug aus … ja woraus eigentlich? … einem Handbuch für männliche Reisende oder nur eine empörende Verleumdung weiblicher Geschöpfe ins Auge sticht.

Steht da doch: “When going by coach (Pferdekutsche), avoid (vermeide) women, especially (besonders) old women; they always want the best places.” (Sitzplätze). Gaawwd that really cracked me up.

John? John hör ma! Ich muss meine Stimme beim vorlesen ziemlich heben, weil John der steht im Flur und ich sitze am Esstisch und er fummelt die Türen vom Einbauschrank wieder dran und benötigt dafür einen Hammer. Er hämmert, ich lese vor, stehe inzwischen neben ihm und dann zeige ich auf eine Seite auf der eine ganzseitige Werbung von Louis Vuitton – Reisegepäck – von 1901 abgebildet ist:

Eine elegante Frau im typisch bodenlangem Kleid, Mantel, Hut, monströser Schleife am Kragen, sitzt inmitten ihres Gepäcks. Drei  Kisten (Leder vermute ich) der Größe meines Autos (Toyota RAV4 – jaja immer noch die alte Kiste) neben bzw. hinter sich und entweder schleppt die Gute noch ein Sofa mit oder sie sitzt auf einer vierten Kiste, deren Maße man nicht wirklich erkennen kann, auch weil darüber eine Decke gebreitet ist. Auf meinem Auto – ehem – auf den Louis Vuitton Gepäckstücken steht verteilt noch das Handgepäck, zwei mittelgroße Ledertaschen, eine kleine Tasche (für Proviant, Puderquaste, lange Unterhose zum Wechseln?) und was ist das? … da liegt noch etwas – es könnte ein Zirkuszelt sein – mag aber durchaus nur ein Kühlschrank sein.

Guck ma John. Ich zeige lachend auf die Illustration. Meine Güte, sach ich, wie unbequem in so einem Fummel zu reisen. Er guckt nur auf die Gepäckstücke. Hat sich ja bis heut nichts geändert, sagt er und hämmert weiter.

Ich blättere weiter. Nein! Da werden zwei Frauen über ein nur fußknöcheltiefen Bach auf Borneo in einer Art offener Sänfte geschleppt, dass heißt, die eine Frau sitzt seitlich schon drauf, die andere wartet noch in einem bodenlangen Kleid aus dem man heutzutage für 10 Teenager Sommer- und Winterkleidung schneidern könnte auf ihren Prinzessinnenauftritt. Die armen Sklaven. Während vermutlich die einheimischen Frauen gerade einen Orang Utan fürs Abendessen er- und zerlegen, schleppen ihre Männer sich Hornhaut auf den Schultern. Einen Schrankkoffer hat der Illustrator allerdings nicht gezeichnet.

Ich kann mich nicht so ganz entscheiden, welches mein Lieblingsbild ist. Vielleicht das Coverfoto? Diese Matrone, die auf einem Kamel in weißer hochgeschlossener Bluse und – man kann es leicht erraten – bodenlangem Rock thront? Ich weiß nicht, was die dem armen Kamel umgeschnallt haben, es könnte ein Guter-Stube-Sessel sein, so wie die Frau dort sitzt. Aber dann, die haben in dem Zeitalter ja alle gesessen und gestanden, als hätten sie einen Stock im Hintern.

But wait there is one more. Eine Zeichnung – irgendwo hoch in den Bergen auf einem schmalen Sims steht eine Frau in züchtiger Kleidung und nein, der Rock den sie trägt ist nicht bodenlang, er endet knapp oberhalb ihrer Knöchel. Ob es ein tolles oder eher irritierendes Gefühl gewesen ist sich den eisigen Wind wohin wehen zu lassen, wo kein Wind zuvor geweht hat, darüber kann ich nur  spekulieren.

Ok. Ich hab gelogen. Eins habe ich noch.

Da kraxeln ein paar Männer, zwei Frauen – eine im schwarzen oops is ja ein schwarz-weiß Foto – im dunklen Kleid, eine im weißen Kleid mühsam mithilfe Einheimischer die Cheopspyramide hoch und wenn sie keinen Hitzeschlag erlitten haben, hat sich irgendeine Deppenmagd damit herumplagen müssen, diese Zeltkleidung wieder zu reinigen.

Was für ein Leben.

Angela Marie – Menschen denen man begegnet

… wenn man denn mal aus seiner Straße raus kommt. Auf der Mekong Delta Tour waren zwei Frauen -  nicht mehr sooo jung – die mich haben rätseln lassen, was sie wohl beruflich machen. Auf einer Bootstour hatte es sich ergeben, dass sie mit Jaime im Heck saßen, außerhalb der Überdachung und mir versicherten, dass sie schon auf ihn aufpassen würden. Sie haben sich die gesamte Zeit über prächtig unterhalten und als wir wieder an Land gingen, fragte ich sie, ob sie jetzt unsere komplette Familiengeschichte plus sämtliche Geheimnisse kennen.

Klar, meinten sie und grinsten. Ich wünschte meine Eltern wären so cool gewesen wie ihr beide, sagte die eine Frau zu uns. Ich hab mal nicht nachgefragt, was Jaime erzählt hatte, mir war aber klar, dass er über seine Schlagzeugspielerei gesprochen hatte und über Musik generell. Ich finde es sowieso immer wunderbar, wenn sich Menschen mit oder ohne eigene Kinder nicht von oben herab mit Kindern unterhalten, sondern auf einer gleichwertigen Ebene.

Am Ende der Tour gab Angela Marie (rechts im Bild, links Kat ihre Freundin, Schwester, Partnerin?) Jaime ihre Visitenkarte. Auf der Rückseite schrieb sie: Keep on rocking. Wenn du mal nach New York kommst, komm vorbei, meinte sie noch und blickte ihn mit ihren schönen Augen an. Ich fand das süß. Ein 11-jähriger wird ernst genommen – so von Musikerin zu Musiker. Was ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste – dass sie Musik macht. Auf der Visitenkarte stand ihr Brotberuf: Akupunkteur(in) – ist das ein deutsches Wort? Kommt mir so komisch vor.

Sie ist schon viel gereist, war auch als Helferin nach dem Erdbeben in Haiti. Ich hab Zuhause gesessen …

Hier ist sie auch noch, etwas verwackelt gefilmt, aber schön anzuhören, wie ich finde: